"Ihr braucht euch zu wenig."

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
majca_ Avatar

Von

"Vielleicht gibt es keine Normalität. Vielleicht wird ganz schön viel Mist im Namen dieser Normalität gemacht, weil alle so furchtbar viel Angst davor haben, nicht normal zu sein."

Der Einstieg in den Roman ist ausgesprochen einnehmend. Auf wenigen Seiten entsteht ein eindringliches Bild vom Alltag einer Mutter, die sich zwischen Fürsorge, Verantwortung und ständiger Anspannung bewegt, getragen von tiefer Zuneigung und Liebe zu ihrem Sohn. Ihre Stimme wirkt sehr nahbar, vermutlich auch deshalb, weil die Autorin hier von persönlichen Erfahrungen spricht.

Mit Pinas Unfall verschiebt sich der Fokus auf Leo und die anderen Hausbewohner:innen. Es entsteht eine Geschichte, in der zunächst lose verbundene Figuren sich tastend annähern, gemeinsam wachsen und zu einer Gemeinschaft werden. Es ist eine herzliche Erzählung, die ich mir sehr gut als Kinofilm vorstellen konnte.

Im Kern hinterfragt der Roman den Umgang mit Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, und wie viel Einsatz es braucht, um ein Verdrängen in die Unsichtbarkeit zu verhindern. Besonders in den Passagen aus Sicht der Mutter wird dieser Kampf und die damit verbundene Erschöpfung eindringlich spürbar. Ihre Perspektive empfand ich als die stärkste im Buch.

Gleichzeitig bleibt auch Leo als Figur präsent, gerade in seiner schwer greifbaren Innenwelt. Als nahezu nonverbaler Charakter entzieht er sich einem direkten Zugriff, und doch gelingt es dem Roman, ihn über Beobachtungen, Blicke und seine Wirkung auf andere spürbar werden zu lassen. Besonders diese Annäherung, das Ringen darum, ihn nicht nur zu versorgen, sondern zu verstehen, ohne je ganz sicher sein zu können, was er selbst will, gehört für mich zu den stärkeren Aspekten der Geschichte.

Umso mehr hatte ich stellenweise das Gefühl, dass diese Feinheit etwas verloren geht, wenn Leo zum Ausgangspunkt für die Entwicklungen der anderen Figuren wird. Die Idee, dass Begegnung Perspektiven verschiebt, ist nachvollziehbar und schön, wirkt hier aber mitunter etwas zu glatt. Im direkten Vergleich bleiben auch die Erkenntnisse und Entwicklungen der anderen Bewohner:innen weniger vielschichtig.

So ergibt sich eine insgesamt runde, gut lesbare Geschichte mit klarer Haltung, wichtigem Thema und viel Herz, ohne für mich dabei ganz die Tiefe zu erreichen, die der starke Anfang zunächst in Aussicht gestellt hatte.