Leben in der Parallelwelt!

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Pina ist alleinerziehende Mutter und lebt mit ihrem zwanzigjährigen autistischen Sohn Leo in Wuppertal-Oberbarmen. Leo wird täglich von Harry, dem mürrischen Busfahrer, abgeholt und in eine Behindertenwerkstatt gefahren. Pina arbeitet währenddessen in einem Callcenter und betritt um 15.15 Uhr wieder die Parallelwelt von Leo, denn dann wird Leo von Harry nach Hause gebracht.
Die Autorin lässt in Vorgriffen erahnen, dass Pina mit der kräftezehrenden Betreuung von Leo auf Dauer überfordert ist und dass das fragile System sehr bald zusammenbrechen wird.
Tatsächlich bricht Pina auf der Straße zusammen und muss ins Krankenhaus gebracht werden. Leo wartet bei Inge, einer 86jährigen Nachbarin, auf seine Mutter, die nur kurz einkaufen wollte. Er wird zunehmend nervös, weil Pina nicht wie vereinbart nach anderthalb Stunden zurückkehrt.
Pina wird notoperiert und ist nicht ansprechbar. Leos Welt bricht auseinander und damit auch gleich die der Hausbewohner in der Hansastraße 22 in Wuppertal-Oberbarmen. Leo tickt aus und Inge und die beiden herbeigerufenen Nachbarn wissen nicht weiter und fühlen sich auch nicht zuständig. Die Polizei ebenfalls nicht. Und so bleibt Leo doch eine Aufgabe für die Hausgemeinschaft, die sich die "schrägen Vögel" nennt.

Inge: 86, hat viele Leben an der Hansastraße gelebt. Sie hat seit dem Tod ihres Mannes Helmut ihre Wohnung nicht mehr verlassen.
Zola: 16, Schulabbrecherin, wütend, ziemlich gut in den falschen Dingen. Sie wurde von ihrem Vater in die Wohnung in der Hansastraße gesteckt, weil es zu Hause nicht mehr ging.
Wojtek, Mitte 30, arbeitet im Homeoffice, hat Schwierigkeiten mit sozialen Interaktionen, ist in eine Frau am kältesten Ort der Welt verliebt.

Inge, Zola und Wojtek übernehmen notgedrungen die Betreuung von Leo. Keiner hat es sich ausgesucht, keiner wollte die Verantwortung übernehmen. Doch sie wachsen rein in Leos Leben in der Parallelwelt. Sie erzählen ihm, dass die Mutsch Urlaub macht und kümmern sich gemeinsam um ihn. Bald wissen sie, dass die Schlafzimmertür einen Fußbreit offen bleiben muss, damit Leo schlafen kann und nur Frosties zum Essen akzeptabel sind. Sie organisieren sogar den Tripp seines Lebens für ihn und verhindern das scheinbar Unvermeidliche.

Vera Zischke schildert in ihrem Roman "Pina fällt aus" das Leben der alleinerziehenden Mutter Pina mit ihrem zwanzigjährigen autistischen Sohn Leo so präzise und eindringlich, wie es nur ein Mensch kann, der das Leben mit autistischen Personen aus eigener Erfahrung kennt. Ich war beeindruckt von den Anstrengungen der Nachbarn, die Verantwortung übernehmen, über sich selbst hinaus wachsen, offener und glücklicher werden und dabei echte Inklusion leben. Ich wünschte, wir alle würden öfter hinsehen und den Kampf von Eltern neurodivergenter Kinder unterstützen. "Pina fällt aus" ist ein wichtiges Buch über Autimus und Inklusion und dabei sehr feinfühlig und mutmachend geschrieben.