Sehr berührend

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Pina fällt aus von Vera Zischke – das Cover hält, was es verspricht, ich habe das Buch genauso gern gelesen wie den Debütroman der Autorin.
Pinas 20jähriger Sohn Leo ist Autist. Veränderungen in seinem Alltag mag er nicht, sie bringen ihn aus dem Gleichgewicht. Jeden Morgen frühstückt er um die gleiche Zeit seine Frosties und fährt danach mit dem Bus in die Werkstatt. Der Busfahrer Harry ist Teil seiner Routine, er wird jeden Morgen begrüßt mit: „Harry Hanowski, 57, Wiesenstraße 104, Busfahrer. Ich werd auch Busfahrer.“
Pina arbeitet in einem Call Center. Nach der Arbeit eilt sie nach Hause, ihr Leben dreht sich um ihren Sohn. Sie weiß, dass Leo nie selbständig sein wird, er wird sie sein Leben lang brauchen. Sie hat seit Wochen Magenschmerzen, doch statt der Ursache auf den Grund zu gehen, betäubt sie sich mit Schmerztabletten. Bis sie auf der Straße zusammenbricht.
Dienstags ist Leo für eineinhalb Stunden bei der betagten Nachbarin Inge. In der Zeit erledigt Pina die Einkäufe für Inge, die seit zwei Jahren das Haus nicht mehr verlassen hat. Als Pina ins Krankenhaus eingeliefert wird, ist Leo bei Inge.
Inge fühlt sich mit Leos Anwesenheit über die vereinbarten eineinhalb Stunden hinaus überfordert. Auch Leo merkt schnell, dass seine Mutsch längst wieder zurück sein müsste. Sie wendet sich hilfesuchend an ihre Nachbarn Zola und Wojtek.
Zola, 16, ist die Tochter des Hauseigentümers. Nach einem Vorfall hat Zolas Vater sie in einer seiner Wohnungen untergebracht. Sie soll eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin machen, was ihr gar nicht zusagt.
Wojtek ist Mitte 30, er arbeitet im Home Office und verbringt seine gesamte Freizeit vor dem Computer.
Es dauert seine Zeit, bis sich die drei Hausbewohner zusammenraufen und Leos Routine wieder hergestellt ist. „Es ist eine Aufgabe, denkt Inge. Es ist eine große Aufgabe, die Welt für jemanden passend zu machen, die nicht für ihn geschaffen ist. Und da sind sie nun. Eine alte Frau, ein wütendes Mädchen und ein Einsiedler, das ist alles, was diesem Jungen bleibt. Drei schräge Vögel.“ (S. 126)
Die Kapitel sind aus der Perspektive von Pina, Inge, Zola und Wojtek geschrieben.
Inge ist mein Lieblingscharakter. Sie mobilisiert alle ihr verbliebenen Kräfte, um für Leo da zu sein. Auch Zola macht eine tolle Entwicklung von der no future-Schulabbrecherin zu Leos bester Freundin durch. Und Wojtek tritt endlich aus der digitalen in die reale Welt ein.
Leo bringt eine Kehrtwende in das Leben der Hausgemeinschaft. „Das ist ein Störstein. Er wurde ins Wasser gesetzt, um die Strömung zu stören und Treibgut aufzufangen. Wenn alles zu glatt läuft, wird das Wasser zu schnell für empfindliche Fischarten. Es braucht Störsteine. Es braucht sie sogar ganz dringend. Und sie müssen mitten im Fluss stehen, nicht am Rand.“ (S. 276).
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, Leo, Pina und die drei „schrägen Vögel“ ins Herz geschlossen und vergebe fünf Sterne und eine Leseempfehlung.