Wir brauchen Störsteine

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angie99 Avatar

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Titelfigur Pina ist alleinerziehende Mutter eines autistischen jungen Mannes, um den sie sich hingebungsvoll kümmert, bis – ja, bis es eben nicht mehr geht. Pina fällt aus. Was passiert jetzt mit „Leo, 20, Hansastraße 20, ich werde Busfahrer“? Die Frage ist relevant. Nicht nur für Pina, nicht nur für Leo, sondern auch für die restlichen Bewohner der Hansastraße 20, die plötzlich direkt damit konfrontiert werden. Und auch für unsere Gesellschaft, die nur allzu gerne ihren Blick davon abwendet.
Dieser Roman zerrt also ein gerne verdrängtes Problem ins Rampenlicht und ist alleine deshalb schon lesenswert. Die durchwegs liebevolle Ausarbeitung der Charaktere tut ihr übriges dazu, dass die schwer erscheinende Thematik leicht zugänglich gemacht wird. Hier liegt die große Stärke dieses Werkes: Pinas Überlastung mit der alleine zu tragenden Verantwortung wird deutlich und greifbar, gleichzeitig werden aber auch die Chancen betont, die darin liegen, einen Menschen wie Leo zu begleiten.
Allerdings: manches in dieser Geschichte lief mir dann doch zu glatt. Die eine oder andere Wendung stammt eher aus Utopia als aus dem echten Leben – schade um die ansonsten sehr alltagsnahen, teils sogar witzigen Schilderungen.
Ähnliches gilt für Leos Behinderung: anfangs noch mit eindrücklichen Bildern beschrieben, später aber mehr oder weniger auf seine eingeschränkte Sprechweise und einige Ticks beschränkt, denen man mit etwas Geduld und ein paar einfachen Tricks (Frosties, ein fußbreiter Spalt, Wattestäbchen,…) beikommt. Ich bin selber Mutter eines Sohnes mit einer autistischen Störung, die sich zugegebenermaßen anders ausdrückt als in Leos Fall, aber ich denke doch, dass hier einige komplexere Realitäten ausgeklammert wurden. Zum Beispiel, dass sich nicht nur die Mitmenschen im Umgang mit einem Autisten überfordert fühlen können, sondern der autistische Mensch selber überfordert ist mit seiner Umwelt. Dieses Buch plädiert dafür, behinderte Menschen zu inkludieren und ihnen ihren Platz in der Gesellschaft zu gönnen, und sicher ist das ein wichtiger Punkt, damit dieses Prinzip „ein Kind braucht ein Dorf, aber Leo braucht eine Stadt“ funktionieren kann. Doch manchen Autisten tut man mit einem Platz „mittendrin“ gar keinen Gefallen, sondern setzt sie einem Stress aus, der ihnen noch mehr zusetzt. Nun ist auch diese Sichtweise einseitig und über allem steht dann noch die weise Erkenntnis: „Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten“.
Aber gerade deshalb hätte es meiner Meinung eine differenzierte Darstellung gebraucht als eine in die Allgemeingültigkeit gezogene Heile-Welts-Lösung. So entlässt mich dieses Buch mit dem unguten Gefühl, dass ich zwar eine wirklich schöne Geschichte über Solidarität und Menschlichkeit gelesen (bzw. gehört) habe, dass es aber an vertiefenden Elementen und praxisorientierten (statt utopischen) Lösungen fehlt, um für ein nachdrückliches Umdenken zu sorgen.

Fazit: Ein paar allzu glatte Entwicklungen und das beschönigende Ende ergeben einen Minuspunkt für eine ansonsten leicht zugängliche, mit Herz und Witz erzählte Geschichte mit einer sehr wichtigen und starken Botschaft: Behinderungen sind „Störsteine“, die unsere Gesellschaft braucht!