Wissende Sterne - Gnadenlose Töne

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"Es begann mit einem Lied - und es wird auch mit einem enden."

Geradezu grandios, fast. Aber dennoch ein starker erster Band.
Genau das habe ich mir wieder von Raven Kennedy erwartet und schon jetzt trifft mich der Wehmutstropfen doppelt, da uns ihre neue Reihe wohl "nur" mit zwei Bänden in diese neue, grauenhaft-bittersüße Welt ziehen wird.

Den Schreibstil habe ich genossen. Ernsthaft an den richtigen Stellen, nicht zu gestelzt, ehrlich und teils schonungslos - und das alles in einem sehr angenehmen Lesefluss - einfach passend für die Geschichte und eben auch für die Autorin.

Den Anfang wollte ich erst als zu lang empfinden, fast, aber im Grunde genommen war er mir am Ende dann doch wieder zu wenig. Was nicht bedeutet, dass das Worldbuilding nicht gut war oder nicht funktioniert hätte. Nein! Die Autorin hat hier eine bildhafte und sehr gut ausgearbeitete Welt eröffnet und immer wieder neue Schichten freigelegt und auch nachgelegt!
Mein zweiter Wehmutstropfen knüpft aber genau hier an, denn ich hoffe so so sehr, dass der nächste Band, der dann wohl auch schon der letzte sein wird, einfach die doppelte Anzahl an Seiten hat! :‘)
Denn was Raven Kennedy hier wieder erschaffen hat, könnte für mich bitte noch viel weitergehen.

Der Ansatz, die Geschichte des Rattenfängers von Hameln mit einer zerstörten, von Plagen geplagten Welt, Frust, Unterdrückung, Machtgefällen und Ungerechtigkeit zu verbinden, funktioniert für mich unglaublich gut. Daraus entsteht eine teils schmerzende, erschreckend nah an der Realität kratzende Geschichte, die trotzdem vollkommen ihre eigene bleibt.

Wir begleiten Esti durch diese Welt, ihre Zweifel werden fast greifbar, ihre Träume machen traurig und ihre Ängste fühlen sich irgendwann beinahe wie die eigenen an. Und genau da hätte ich mir noch so viel tiefere Zeilen gewünscht. Mehr Zerrüttung, mehr Kampf, mehr Engstirnigkeit und für später mehr gesunde, längere Skepsis.

"Es gibt einen Unterschied zwischen gut handeln und gut sein"

Aber auf den ca. 660 Seiten ist es Raven Kennedy trotzdem gelungen, mich auch (ein wenig) an das Gute in dieser Welt glauben zu lassen... auch wenn ich davon noch längst nicht vollkommen überzeugt bin und eigentlich die ganze Zeit auf den heftigen, unvermeidbaren Knall warte. Oder eher, ja, eher hoffe.

Wenn wir uns unsere Protagonisten anschauen, fand ich die Chemie gerade anfangs fabelhaft und war teils sehr amüsiert. Bissig, süffisant, neckisch, schmerzend, herrlich unvernünftig und stellenweise fast schon zu vertrauensselig - ja, so würde ich die beiden dann doch bezeichnen.
Auch die Ernsthaftigkeit fand oft Einzug, wenn aufgezeigt wurde, wer die Töne vorgibt und wie machtlos man sein kann, wenn man glaubt, keine richtige Macht zu besitzen.

"Und... wird uns das zu Verbündeten machen?"
"Nein. Es wird verhindern, dass wir Feinde werden."

Teils war ich so skeptisch - bin es immer noch -, wurde überrascht, habe die Luft an manchen Stellen stark eingesogen, habe geschmunzelt, war verzaubert.. und verwirrt.
Vor allem über die Schnelligkeit mancher Beziehungen. Über manche "abgehandelten" Themen bzw. darüber, wie selbstverständlich einige Dinge hingenommen werden. Da hätte ich mir mehr Raum für Erklärungen gewünscht - oder vielleicht sogar mehr Mut, manche Themen vorerst im Verborgenen zu lassen.

Auch wenn der Wunsch bei diesem Ende vielleicht noch erfüllt wird oder alles doch noch einmal in eine ganz andere Richtung kippt. Denn das Ende hat mich auf eine andere Art überrascht, da ich eigentlich mit etwas anderem gerechnet hatte. Andersherum einfach.. Aber ja, es hatte mich, hat mich immer noch und nun muss ich hier sitzen und dem zweiten Band entgegenfiebern...

Aber nochmal zu der Schnelligkeit: Gerade in den letzten ungefähr 20 Prozent ging mir halt manches, ja, einfach zu schnell. Ja, so 200 Seiten extra wären mein Traum gewesen... oder vielleicht gerade im letzten Teil noch eine andere Perspektive, die einmal komplett aus dem bisherigen Rhythmus "herausreißt".
Nicht falsch verstehen, das Ende verspricht einen wirklich guten Start in die dann folgende Story - aber gerade davor hätte ich mir halt deutlich mehr Raum und wieder etwas mehr Liebe zum Detail gewünscht.

Ehrlich gesagt fällt mir eine genaue Bewertung diesmal irgendwie schwerer als sonst. Bis weit in die Geschichte hinein war es für mich ein 5-Sterne-Read, doch die angesprochenen Punkte und ein paar kleinere Dinge lassen mich eher zu einer starken 4 bis 4,5 tendieren.