Wo Grenzen zu Geschichten werden

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Schon auf den ersten Seiten von Querfeldein gelingt Alex Capus etwas, das nur wenigen Schriftstellern gelingt: Aus einem scheinbar unspektakulären Flecken Erde entsteht eine Welt, die sofort lebendig wird. Ein Dorf an der Grenze, ein Gasthof im Entstehen, ein Mann mit einem hinkenden Fuß und einem unbeirrbaren Willen. Mehr braucht es zunächst nicht.
Besonders beeindruckt hat mich die Figur Arnold. Er ist kein Held im klassischen Sinn. Er wirkt eher wie jemand, der sich sein Leben mühsam gegen die Erwartungen anderer erkämpfen muss. Als Arbeitersohn steht er zwischen den wohlhabenden Dorfbewohnern, wird belächelt, unterschätzt und doch nie wirklich besiegt. Seine Hartnäckigkeit hat etwas Anrührendes. Er baut nicht nur ein Wirtshaus, sondern auch eine Vorstellung von Freiheit. Während andere sich mit festen Wegen zufriedengeben, sucht Arnold immer wieder nach Möglichkeiten, dem Gefühl der Einengung zu entkommen.
Gerade die Passagen über seine Wanderjahre haben mich besonders berührt. Die Schilderung seines ersten Arbeitstags in der Gießerei entwickelt sich zu weit mehr als einer Erinnerung. Sie wird zu einer Betrachtung über Arbeit, Selbstbestimmung und die Angst davor, das eigene Leben an Routinen zu verlieren. Arnolds Abscheu vor dem immer gleichen Hamsterrad wirkt erstaunlich modern. Sein Entschluss, sich immer nur für hundert Tage an einen Ort zu binden, erzählt von einem Menschen, der lieber Unsicherheit in Kauf nimmt als den Verlust seiner inneren Freiheit.
Dabei erzählt Capus nie schwer oder belehrend. Sein Ton ist voller feinem Humor, genauer Beobachtungen und liebevoller Menschenkenntnis. Selbst Nebenfiguren, Dorforiginale und Handwerker erhalten Konturen und Eigenheiten. Besonders die Geschichte um den Namen des Gasthofs zeigt diese Stärke. Aus einem Dorfwitz entwickelt sich eine Szene voller Komik, die zugleich viel über Gemeinschaft, Machtverhältnisse und menschlichen Stolz erzählt.
Auch die Landschaft spielt eine besondere Rolle. Die Ebene rund um Ramsen erscheint zunächst leer und unscheinbar. Doch gerade diese Grenzregion wird zu einem Ort voller Möglichkeiten. Hier begegnen sich Menschen, Waren, Geschichten und Schicksale. Die Grenze trennt nicht nur, sie verbindet. Dieser Gedanke zieht sich spürbar durch die Leseprobe und macht neugierig auf alles, was noch folgen wird.
Was bleibt, ist vor allem die Vorfreude auf den weiteren Weg dieser Geschichte. Die Figuren wirken bereits nach wenigen Kapiteln so vertraut, als säße man selbst mit ihnen im entstehenden Gasthof. Querfeldein beginnt ruhig, aber mit einer großen erzählerischen Sogkraft. Es ist ein Roman über Aufbruch, Beharrlichkeit und die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben. Genau deshalb hat mich diese Leseprobe so nachhaltig beschäftigt.