Aus dem Hamsterrad

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gabiliest Avatar

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Der preisgekrönte SPIEGEL-Bestseller-Autor Alex Capus schlägt mit seinem neuen Werk “Querfeldein” einen großen Bogen vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bis in die NS-Zeit. Der beeindruckende Buchumschlag, der ein Gemälde des Schweizer Künstlers Hans Emmenegger zeigt, öffnet den Blick in eine weite, offene Landschaft, eben querfeldein.

Arnold ist der Sohn eines Fabrikarbeiters. Als die Zeit kommt, dass auch er in die Fabrik soll, wird ihm sofort klar: In dieses stumpfsinnige, immer gleiche Tun, in dieses Hamsterrad, will er nicht. Arnold hat Glück im Spiel und gelangt zu Reichtum, er kann Land kaufen und den “Gasthof zur Moskau” bauen, nahe an der deutsch-schweizerischen Grenze. Der eigenartige Name des Hauses ist den ständigen Witzen der Dorfburschen geschuldet, denn Arnolds Land grenzt an “Peters Burg“, das verfallene Anwesen eines menschenfeindlichen Bauern.

Eines Tages reitet Betty über die verschneiten Felder in den Hof – und Betty bleibt. In wenigen Sätzen gelingt es Alex Capus, die intime und innige Beziehung des Paares darzustellen, diese absichtslose Freude aneinander, die ihr Glück ausmacht. In der Ehe werden acht Kinder geboren, Betty erkennt sehr bald, dass die älteste Tochter, Clara, Schwierigkeiten machen wird. Schon als kleines Kind stromert sie querfeldein, in der Natur bewegt sie sich sicher, in geschlossenen Räumen linkisch. Übergriffige Burschen bekommen nicht nur Claras Zynismus, sondern auch ihre kleinen Fäuste zu spüren. Dann verliebt sich Clara in einen tschechischen Burschen, der Zucker nach Deutschland schmuggelt.

Doch dort hat sich die Welt verändert, man schreibt das Jahr 1933, dort patrouillieren SS-Schergen. Was nun geschieht, bringt nicht nur Clara, die weder Furcht noch Scham kennt, gegen die Obrigkeiten diesseits und jenseits der Grenze auf. Das ganze Dorf sorgt dafür, dass sich zwischen Deutschland und der Schweiz unvorhersehbare diplomatische Verwicklungen ergeben.

“Querfeldein” ist ein Roman, der nicht nur durch seine Handlung, sondern auch durch seine einfache, starke und pointierte Sprache begeistert. Kurze Sätze bringen die Erzählung prägnant voran, schildern den Alltag oft trivial – im Alter bekommen die Zehennägel Rillen, die zu nichts gut sind –, doch immer schwingt im Hintergrund der Wunsch mit, die persönliche Freiheit zu bewahren und den Zwängen des Daseins zu trotzen. Arnold versteht das, stellt keine Fragen und wartet, wie sich die Dinge entwickeln. Seine freundliche und kluge Sichtweise auf das Leben ermöglicht es ihm, Verständnis für Betty und Clara zu zeigen. So nimmt sich Betty ihre Freiheit, ohne zu fragen und ohne sich rechtfertigen zu müssen, denn auch für sie kommt der Moment, in dem sie ihre Ehe und die täglichen Pflichten als Hamsterrad empfindet.

Im folgenden Szenario ist unklar, wo die Realität aufhört – immerhin handelt es sich um ein historisch belegtes Geschehen – und die Fantasie beginnt. In verschiedenen Erzählpanoramen stellt der Autor Vermutungen und Überlegungen zum weiteren Verlauf des Schicksals der Protagonisten an und die Lesenden sind eingeladen, es ihm gleich zu tun.

Mein Fazit:

“Querfeldein” ist hervorragende Literatur, die auf subtile Weise das Schicksal und die Möglichkeit thematisiert, es zu bewältigen oder ihm ein Schnippchen zu schlagen. Neben einer innigen Liebesgeschichte und lapidaren Schilderungen des Alltagslebens beschreibt Alex Capus eine Welt im Umbruch, zwischen Bürokratie und Fanatismus. Dennoch bietet der Roman skurrile Szenen, die den politischen Herausforderungen der Zeit geschuldet sind. ”Querfeldein” war für mich ein Lesehighlight; wer Romane mag, die auf realen historischen Ereignissen beruhen und dennoch eine unvergleichliche Geschichte bieten, hat hier sicher zum richtigen Buch gegriffen.