Faszinierender Roman über ein ungewöhnliches Kapitel der Zeitgeschichte
MEINE MEINUNG
Mit seinem neuen vielschichtigen Roman „Querfeldein“ legt Alex Capus erneut eine warmherzige, spannende und eigenwillige Geschichte über Liebe, Mut und die Macht politischer Umstände vor. Sehr gelungen verbindet er darin historische Begebenheiten mit fiktionalen Elementen zu einer unterhaltsamen, bisweilen skurrilen Geschichte über eine Familie, deren Lebenswege untrennbar mit dem Grenzgeschehen und den politischen Verwicklungen in jenen Zeiten verbunden sind.
Die Handlung setzt um 1900 in Ramsen ein, einem kleinen Dorf an der deutsch-schweizerischen Grenze. Mit seinem ruhigen und einfühlsamen Erzählstil führt Capus uns schon bald in die besondere Welt rund um den jungen Arnold ein, der nach unsteten Wanderjahren in sein Heimatdorf zurückkehrt und dort den Gasthof mit dem ungewöhnlichen Namen „Zur Moskau“ eröffnet. Nach und nach lernen wir in verschiedenen Episoden nicht nur seine geheimnisvolle und energiegeladene Ehefrau Betty sowie die rasch wachsende Familie mit ihren acht Kindern kennen, sondern auch das bunt gemischte Völkchen aus Dorfbewohnern, Handwerkern, Händlern, Reisenden und Schmugglern, das im Gasthof zusammenkommt.
Im weiteren Verlauf rückt vor allem die älteste Tochter Clara in den Mittelpunkt. Sie ist eigenwillig, unkonventionell und fest entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen, auch wenn sie damit immer wieder aus den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit herausfällt. Als sie sich 1933, zu Beginn des NS-Regimes, in den wagemutigen Schmuggler Hermann Weber verliebt, gewinnt die Handlung zunehmend an Dynamik und Dramatik. Hermann setzt den riskanten Schmuggel von Lebensmitteln und kommunistischen Zeitungen trotz der wachsamen Uniformierten auf beiden Seiten der Grenze fort. Was zunächst wie eine lokale Banalität aus dem Grenzgebiet erscheint, entwickelt sich allmählich zu einem Geschehen mit weitreichenden politischen und diplomatischen Folgen bis in höchste Ebenen.
Capus versteht es hervorragend, das dörfliche Alltagsleben mit seinen amüsanten Episoden, kleinen Reibereien und tragischen Geschehnissen einzufangen. Aus scheinbar beiläufigen Begegnungen und Anekdoten entsteht ein lebendiges Panorama einer dörflichen Gemeinschaft, die eng miteinander verbunden sind aber einander doch nicht immer verstehen. Die Figuren sind facettenreich und mit großer Liebe zum Detail gezeichnet und wirken trotz ihrer teils skurrilen Eigenheiten überwiegend nahbar und lebendig. Ob nun der Wirt Arnold, seine unkonventionelle Ehefrau Betty, die eigenwillige Clara oder der unerschrockene Hermann – sie alle verfügen über ausgeprägte Charakterzüge, individuelle Wünsche und persönliche Schwächen, die ihre Handlungen bestimmen und zur Lebendigkeit der Geschichte beitragen.
Manche ihrer Verhaltensweisen liegen allerdings an der Grenze zum Überzeichneten und erscheinen weniger psychologisch plausibel als vielmehr märchenhaft zugespitzt.
Besonders überzeugend ist die Einbindung der historischen Ereignisse rund um das Grenzgebiet von Ramsen und die historisch verbürgte Figur Hermann Weber. Capus hat die damaligen Vorgänge sorgfältig recherchiert und sie glaubwürdig in die fiktive Familiengeschichte eingefügt. Dadurch vermittelt der Roman einen aufschlussreichen Einblick in ein ungewöhnliches und vergleichsweise wenig bekanntes Kapitel der Zeitgeschichte. Originalgetreu wiedergegebene Briefwechsel und historische Dokumente verstärken den Eindruck von Authentizität und verleihen den politischen Verwicklungen zusätzliche Eindringlichkeit.
Zugleich bewahrt sich Capus einen humorvollen, manchmal beinahe verschmitzten Blick auf seine Figuren und ihre Lebensumstände. Selbst dramatische oder tragische Episoden erzählt er mit leichter Hand und einem feinen Augenzwinkern. Nicht jede Entwicklung und Zuspitzung wirkt vollkommen glaubwürdig, und auch einzelne sprachliche Wendungen erinnern eher an die Gegenwart als an das frühe 20. Jahrhundert. Solche Anachronismen können den Eindruck eines realistischen historischen Roman zwar stören, fügen sich bei Capus jedoch in eine bewusst moderne Erzählform ein, in der sich historische Wahrheit und erzählerische Freiheit auf geniale Weise miteinander verbinden.
So macht gerade diese Mischung aus historischer Recherche, Familienroman, Dorfchronik und märchenhaftem Erzählen macht den besonderen Reiz des Romans aus.
Capus schreibt beschwingt, sprachgewandt und mit ausgeprägtem Sinn für Wortwitz. Er richtet sein Augenmerk weniger auf große politische Akteure als auf die Menschen, die von politischen Veränderungen betroffen sind und zeigt auf, wie sie diesen mit Mut, List, Anpassungsfähigkeit oder Hartnäckigkeit begegnen.
FAZIT
Ein atmosphärischer und unterhaltsamer Roman, der ein ungewöhnliches Stück Zeitgeschichte mit einer skurrilen Familiengeschichte verbindet. Trotz einzelner Überzeichnungen, Anachronismen und nicht immer vollständig glaubwürdiger Entwicklungen überzeugt Alex Capus durch lebendige Figuren, sprachliche Finesse und sorgfältig recherchierte historische Hintergründe.
Mit seinem neuen vielschichtigen Roman „Querfeldein“ legt Alex Capus erneut eine warmherzige, spannende und eigenwillige Geschichte über Liebe, Mut und die Macht politischer Umstände vor. Sehr gelungen verbindet er darin historische Begebenheiten mit fiktionalen Elementen zu einer unterhaltsamen, bisweilen skurrilen Geschichte über eine Familie, deren Lebenswege untrennbar mit dem Grenzgeschehen und den politischen Verwicklungen in jenen Zeiten verbunden sind.
Die Handlung setzt um 1900 in Ramsen ein, einem kleinen Dorf an der deutsch-schweizerischen Grenze. Mit seinem ruhigen und einfühlsamen Erzählstil führt Capus uns schon bald in die besondere Welt rund um den jungen Arnold ein, der nach unsteten Wanderjahren in sein Heimatdorf zurückkehrt und dort den Gasthof mit dem ungewöhnlichen Namen „Zur Moskau“ eröffnet. Nach und nach lernen wir in verschiedenen Episoden nicht nur seine geheimnisvolle und energiegeladene Ehefrau Betty sowie die rasch wachsende Familie mit ihren acht Kindern kennen, sondern auch das bunt gemischte Völkchen aus Dorfbewohnern, Handwerkern, Händlern, Reisenden und Schmugglern, das im Gasthof zusammenkommt.
Im weiteren Verlauf rückt vor allem die älteste Tochter Clara in den Mittelpunkt. Sie ist eigenwillig, unkonventionell und fest entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen, auch wenn sie damit immer wieder aus den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit herausfällt. Als sie sich 1933, zu Beginn des NS-Regimes, in den wagemutigen Schmuggler Hermann Weber verliebt, gewinnt die Handlung zunehmend an Dynamik und Dramatik. Hermann setzt den riskanten Schmuggel von Lebensmitteln und kommunistischen Zeitungen trotz der wachsamen Uniformierten auf beiden Seiten der Grenze fort. Was zunächst wie eine lokale Banalität aus dem Grenzgebiet erscheint, entwickelt sich allmählich zu einem Geschehen mit weitreichenden politischen und diplomatischen Folgen bis in höchste Ebenen.
Capus versteht es hervorragend, das dörfliche Alltagsleben mit seinen amüsanten Episoden, kleinen Reibereien und tragischen Geschehnissen einzufangen. Aus scheinbar beiläufigen Begegnungen und Anekdoten entsteht ein lebendiges Panorama einer dörflichen Gemeinschaft, die eng miteinander verbunden sind aber einander doch nicht immer verstehen. Die Figuren sind facettenreich und mit großer Liebe zum Detail gezeichnet und wirken trotz ihrer teils skurrilen Eigenheiten überwiegend nahbar und lebendig. Ob nun der Wirt Arnold, seine unkonventionelle Ehefrau Betty, die eigenwillige Clara oder der unerschrockene Hermann – sie alle verfügen über ausgeprägte Charakterzüge, individuelle Wünsche und persönliche Schwächen, die ihre Handlungen bestimmen und zur Lebendigkeit der Geschichte beitragen.
Manche ihrer Verhaltensweisen liegen allerdings an der Grenze zum Überzeichneten und erscheinen weniger psychologisch plausibel als vielmehr märchenhaft zugespitzt.
Besonders überzeugend ist die Einbindung der historischen Ereignisse rund um das Grenzgebiet von Ramsen und die historisch verbürgte Figur Hermann Weber. Capus hat die damaligen Vorgänge sorgfältig recherchiert und sie glaubwürdig in die fiktive Familiengeschichte eingefügt. Dadurch vermittelt der Roman einen aufschlussreichen Einblick in ein ungewöhnliches und vergleichsweise wenig bekanntes Kapitel der Zeitgeschichte. Originalgetreu wiedergegebene Briefwechsel und historische Dokumente verstärken den Eindruck von Authentizität und verleihen den politischen Verwicklungen zusätzliche Eindringlichkeit.
Zugleich bewahrt sich Capus einen humorvollen, manchmal beinahe verschmitzten Blick auf seine Figuren und ihre Lebensumstände. Selbst dramatische oder tragische Episoden erzählt er mit leichter Hand und einem feinen Augenzwinkern. Nicht jede Entwicklung und Zuspitzung wirkt vollkommen glaubwürdig, und auch einzelne sprachliche Wendungen erinnern eher an die Gegenwart als an das frühe 20. Jahrhundert. Solche Anachronismen können den Eindruck eines realistischen historischen Roman zwar stören, fügen sich bei Capus jedoch in eine bewusst moderne Erzählform ein, in der sich historische Wahrheit und erzählerische Freiheit auf geniale Weise miteinander verbinden.
So macht gerade diese Mischung aus historischer Recherche, Familienroman, Dorfchronik und märchenhaftem Erzählen macht den besonderen Reiz des Romans aus.
Capus schreibt beschwingt, sprachgewandt und mit ausgeprägtem Sinn für Wortwitz. Er richtet sein Augenmerk weniger auf große politische Akteure als auf die Menschen, die von politischen Veränderungen betroffen sind und zeigt auf, wie sie diesen mit Mut, List, Anpassungsfähigkeit oder Hartnäckigkeit begegnen.
FAZIT
Ein atmosphärischer und unterhaltsamer Roman, der ein ungewöhnliches Stück Zeitgeschichte mit einer skurrilen Familiengeschichte verbindet. Trotz einzelner Überzeichnungen, Anachronismen und nicht immer vollständig glaubwürdiger Entwicklungen überzeugt Alex Capus durch lebendige Figuren, sprachliche Finesse und sorgfältig recherchierte historische Hintergründe.