Mittendurch zum trauten Glück
Geht es darum, einem außergewöhnlichen, geschichtlichen Ereignis Leben einzuhauchen und es erfahrbar zu machen, dann kommt der preisgekrönte Fabulierer Alex Capus wie gerufen. So entspinnt sich auch in seinem neuen Roman „Querfeldein“ aus dem Münchener Carl Hanser Verlag eine beinahe unglaubliche Geschichte, wären weite Passagen ihrer Erzählstrecke nicht tatsächlich wahr.
Wovon handelt das 288 Seiten schlanke Wunderwerk diesmal? Nach dem Vorgängerroman »Das kleine Haus am Sonnenhang« spielt auch dieses Mal ein Gasthof eine zentrale Rolle, hier in Ramsen, auf schweizerischem Grund, aber in unmittelbarer Nähe zur deutschen Grenze. Der Name der Gastwirtschaft: Moskau. Eine Anspielung auf die benachbarte „Petersburg“, einem Gehöft, das auf dem Stabhalter Peter Neidhart zurückgeht. Typisch rustikal und mundartlich geht es anfangs zu, als Arnold, der durch pures Glück zu einem wohlgehüteten Reichtum gelangt ist, erst die „Moskau“ als Gasthof flott macht, und dann seiner selbstbewussten und freigeistigen Betty den Hof macht. Er schafft es, dass sie sich an ihn bindet, soweit sie das eben zulässt. Sie verbringen ein arbeitsreiches, aber wirtschaftlich erfolgreiches Leben in der Gast- und Landwirtschaft, sind fester Bestandteil des Dorfes und der Grenzregion mit ihren schrulligen Stammgästen, allen voran den Witzbolden, die wie gute Geister Beschützer, Spielgefährten und Kritiker der Gastleute zugleich sind.
Arnold und Betty bekommen acht Kinder, von denen die meisten, so sie überleben, woanders ihr Glück suchen. Ihre Älteste, Tochter Clara, ist ihr Augenstern, aber ein eigensinniges Geschöpf. Zwar stellt sie mit ihrer Introvertiertheit den Ablauf auf den Kopf, doch jeder schließt sie rasch ins Herz. Als sie eine junge Frau wird, zwingen die Dreißiger den Grenzbewohnern schwierige Zeiten auf. Die reaktionären Mächte Deutschland, Italien und Österreich sorgen für paramilitärische Umtriebe, die auch vor Gebietsübertretungen nicht Halt machen. Auch der erstarkende Antisemitismus und die wieder anlaufende Kriegsmaschinerie lassen die Schweiz wie eine Insel der Glückseligkeit erscheinen, jedoch wird der Sonnenschein des Alpenstaates durch finstere Schatten bedroht. In dieser Stimmung gelingt es dem Tschecheslowaken Hermann Weber, einem vagabundierenden Kaufmann und Schmuggler, Claras Herz zu erobern. Er packt tüchtig auf Arnolds Hof an und beeindruckt damit auch die Gastleute. Hermann hält sich dank seiner Körperkräfte für unbesiegbar und bevorzugt bei allem den direkten Weg. Ganz querfeldein halt. Am 27. August 1933 kommt es daher fast zu seiner Festnahme, als er versucht, Zucker und bolschewistisches Propagandamaterial nach Deutschland zu schmuggeln. Später greifen sich SA- und SS-Leute aus der nahen Stadt Singen Hermann in seinem Schweizer Unterschlupf und entführen ihn ins Deutsche Reich. Diese Grenzverletzung führt aufgrund des Aufbegehrens von Betty und zahlreicher Mitstreiter des zivilen Ungehorsams zu diplomatischen Spannungen, die darin münden, dass die Schweiz droht, dem Nürnberger Reichsparteitag fernzubleiben, ließe man den aufgrund der Grenzverletzung inhaftierten Tschecheslowaken Hermann Weber nicht unverzüglich frei. Propagandaminister Josef Goebbels selbst befiehlt schließlich dessen Freilassung. Was nun mit Hermann nach seiner Freilassung geschieht, darüber spekuliert Capus vortrefflich mit einigem Scharfsinn. Zu sehr wünscht der Leser sich ein Happy End mit seiner Clara, die zusammen mit der Familie alles unternimmt, um ihren Liebsten zurück zu bekommen. Nach historischen Quellen wurde Hermann nach Frankreich abgeschoben. Capus verschweigt, dass Hermann 1940 in Frankreich erneut von der Gestapo aufgegriffen und nach Deutschland ins Karlsruher Gefängnis verfrachtet wurde, wo er am 31. März 1943 starb. Dieser Schluss ist zu traurig, daher freute ich mich über den Ausblick auf ein versöhnliches und märchenhaftes Ende, das Raum für die eigene Fantasie lässt.
Fazit: Ein erstaunliches, kleines Juwel zwischen zwei Buchdeckeln. Das überschaubare Ensemble der liebgewonnenen Figuren wie der eigenbrötlerische Schriftenmaler Sepp erweckt Alex Capus auf wundersame Weise durch seine Feder zum Leben. Sie wirken authentisch, als würde man sie mit ihren Verschrobenheiten, Attitüden und kleinen Geheimnissen jahrelang kennen. Capus bietet lebendige Unterhaltung, garantiert durch eine vielschichtige Figurenzeichnung einen tiefen Blick in die menschlichen Seelen und zaubert eine greifbare Atmosphäre durch authentische Dialoge und zuspitzende Metaphern. Nebenbei wird Geschichtsträchtiges vermittelt, was den Leserblick auch für die wesentlichen Dinge des Hier und Heute schärft.
Gerne würde ich in den Gasthof „Zur Moskau“ einkehren, um mit Arnold und den Seinen über seine Hoffnungen und Befürchtungen sinnieren. Natürlich zusammen mit einem gutgelaunten Capus, der sicherlich bereits über seinen nächsten Roman nachdenkt, der wieder einmal einem sonderlichen historischen Ereignis entspringen mag.
4,5 von 5 Sternen.
Wovon handelt das 288 Seiten schlanke Wunderwerk diesmal? Nach dem Vorgängerroman »Das kleine Haus am Sonnenhang« spielt auch dieses Mal ein Gasthof eine zentrale Rolle, hier in Ramsen, auf schweizerischem Grund, aber in unmittelbarer Nähe zur deutschen Grenze. Der Name der Gastwirtschaft: Moskau. Eine Anspielung auf die benachbarte „Petersburg“, einem Gehöft, das auf dem Stabhalter Peter Neidhart zurückgeht. Typisch rustikal und mundartlich geht es anfangs zu, als Arnold, der durch pures Glück zu einem wohlgehüteten Reichtum gelangt ist, erst die „Moskau“ als Gasthof flott macht, und dann seiner selbstbewussten und freigeistigen Betty den Hof macht. Er schafft es, dass sie sich an ihn bindet, soweit sie das eben zulässt. Sie verbringen ein arbeitsreiches, aber wirtschaftlich erfolgreiches Leben in der Gast- und Landwirtschaft, sind fester Bestandteil des Dorfes und der Grenzregion mit ihren schrulligen Stammgästen, allen voran den Witzbolden, die wie gute Geister Beschützer, Spielgefährten und Kritiker der Gastleute zugleich sind.
Arnold und Betty bekommen acht Kinder, von denen die meisten, so sie überleben, woanders ihr Glück suchen. Ihre Älteste, Tochter Clara, ist ihr Augenstern, aber ein eigensinniges Geschöpf. Zwar stellt sie mit ihrer Introvertiertheit den Ablauf auf den Kopf, doch jeder schließt sie rasch ins Herz. Als sie eine junge Frau wird, zwingen die Dreißiger den Grenzbewohnern schwierige Zeiten auf. Die reaktionären Mächte Deutschland, Italien und Österreich sorgen für paramilitärische Umtriebe, die auch vor Gebietsübertretungen nicht Halt machen. Auch der erstarkende Antisemitismus und die wieder anlaufende Kriegsmaschinerie lassen die Schweiz wie eine Insel der Glückseligkeit erscheinen, jedoch wird der Sonnenschein des Alpenstaates durch finstere Schatten bedroht. In dieser Stimmung gelingt es dem Tschecheslowaken Hermann Weber, einem vagabundierenden Kaufmann und Schmuggler, Claras Herz zu erobern. Er packt tüchtig auf Arnolds Hof an und beeindruckt damit auch die Gastleute. Hermann hält sich dank seiner Körperkräfte für unbesiegbar und bevorzugt bei allem den direkten Weg. Ganz querfeldein halt. Am 27. August 1933 kommt es daher fast zu seiner Festnahme, als er versucht, Zucker und bolschewistisches Propagandamaterial nach Deutschland zu schmuggeln. Später greifen sich SA- und SS-Leute aus der nahen Stadt Singen Hermann in seinem Schweizer Unterschlupf und entführen ihn ins Deutsche Reich. Diese Grenzverletzung führt aufgrund des Aufbegehrens von Betty und zahlreicher Mitstreiter des zivilen Ungehorsams zu diplomatischen Spannungen, die darin münden, dass die Schweiz droht, dem Nürnberger Reichsparteitag fernzubleiben, ließe man den aufgrund der Grenzverletzung inhaftierten Tschecheslowaken Hermann Weber nicht unverzüglich frei. Propagandaminister Josef Goebbels selbst befiehlt schließlich dessen Freilassung. Was nun mit Hermann nach seiner Freilassung geschieht, darüber spekuliert Capus vortrefflich mit einigem Scharfsinn. Zu sehr wünscht der Leser sich ein Happy End mit seiner Clara, die zusammen mit der Familie alles unternimmt, um ihren Liebsten zurück zu bekommen. Nach historischen Quellen wurde Hermann nach Frankreich abgeschoben. Capus verschweigt, dass Hermann 1940 in Frankreich erneut von der Gestapo aufgegriffen und nach Deutschland ins Karlsruher Gefängnis verfrachtet wurde, wo er am 31. März 1943 starb. Dieser Schluss ist zu traurig, daher freute ich mich über den Ausblick auf ein versöhnliches und märchenhaftes Ende, das Raum für die eigene Fantasie lässt.
Fazit: Ein erstaunliches, kleines Juwel zwischen zwei Buchdeckeln. Das überschaubare Ensemble der liebgewonnenen Figuren wie der eigenbrötlerische Schriftenmaler Sepp erweckt Alex Capus auf wundersame Weise durch seine Feder zum Leben. Sie wirken authentisch, als würde man sie mit ihren Verschrobenheiten, Attitüden und kleinen Geheimnissen jahrelang kennen. Capus bietet lebendige Unterhaltung, garantiert durch eine vielschichtige Figurenzeichnung einen tiefen Blick in die menschlichen Seelen und zaubert eine greifbare Atmosphäre durch authentische Dialoge und zuspitzende Metaphern. Nebenbei wird Geschichtsträchtiges vermittelt, was den Leserblick auch für die wesentlichen Dinge des Hier und Heute schärft.
Gerne würde ich in den Gasthof „Zur Moskau“ einkehren, um mit Arnold und den Seinen über seine Hoffnungen und Befürchtungen sinnieren. Natürlich zusammen mit einem gutgelaunten Capus, der sicherlich bereits über seinen nächsten Roman nachdenkt, der wieder einmal einem sonderlichen historischen Ereignis entspringen mag.
4,5 von 5 Sternen.