Unaufgeregte historische Erzählung

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marieon Avatar

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Vor über hundert Jahren wollte Arnold einen Gasthof eröffnen. Nördlich des Rheins, ganz in der Nähe seines Heimatdorfes Ramsen, kaufte er ein Grundstück. Er hätte das auch in Ramsen machen können, der „Hirsch“ war frei geworden, aber dort saßen die reichen Bauern auf ihren breiten Ärschen und hielten sich den ganzen Abend an einem Glas Bier fest. Das ging ihm nicht ab, deshalb ließ er ein Haus direkt neben dem Grenzposten bauen. Im Erdgeschoss hatte er den Schankraum und die Küche geplant, die erste Etage würde er selbst beziehen und im ausgebauten Dachstuhl würden zwei, drei Mansarden entstehen für einen Koch und eine Kellnerin, sofern er sich überhaupt je Personal leisten konnte.

Die Witzbolde, mit denen Arnold zur Schule gegangen war, die Söhne, der auf ihrem breiten Arsch sitzenden Bauern, nannten seine zukünftige Kneipe jetzt schon „Moskau“, das war nicht ganz glücklich, denn die Schweizer Dorfbewohner hatten keinerlei Affinität zu Russland, aber der Name hatte sich längst rumgesprochen. Seine Entscheidung, die Kneipe „Zur Eintracht“ zu nennen, das passte zu seinem friedfertigen Wesen, war schon gefallen. Das Reklameschild war entworfen, das Briefpapier gedruckt. Jetzt musste er alles wieder ändern und war schon bankrott, bevor er überhaupt angefangen hatte.

Gestern hatte er die Stallungen gebaut und heute würde er ein Schwein besorgen. Er ging zum maulfaulen Peter nebenan und erwarb ein Ferkel. Er würde es mästen und beizeiten in der Küche verwursten. Allerdings haute das Ferkel in der Nacht ab und grub sich durch Peters Felder, der sah die Schweinerei am nächsten Morgen und knallte das Vieh ab. Arnold musste Peter darauf ansprechen, aber er musste bei Peters hitzigem Gemüt höchste Vorsicht walten lassen.

Mit dieser Methode vorsätzlichen Durchdrehens hatte Peter seit frühester Kindheit alle Konflikte, wenn nicht gelöst, so doch immerhin zu seinen Gunsten entschieden. Im Rumbrüllen war er unschlagbar. Seite 58

Fazit: Der mehrfach ausgezeichnete Autor Alex Capus hat eine historische Erzählung erdacht. Im Zentrum steht sein Protagonist Arnold. Er möchte dem Hamsterrad Lohnarbeit entkommen, war fleißig und hat ein wenig Geld beim Glücksspiel gewonnen. Er eröffnet einen Gasthof und arbeitet fortan für sich selbst. Dann taucht Betty hoch zu Ross in seinem Biergarten auf. Sie passen auf Anhieb zusammen, heiraten und bekommen acht Kinder. Betty züchtet Pferde, die sie an Grenzgänger verleiht. Alles scheint in sicheren Tüchern, aber Betty hat ihr eigenes Hamsterrad, dem sie entkommen muss. Die erstgeborene, eigenartige Clara verliebt sich in einen Schmuggler und das Drama nimmt seinen Lauf. Das war sehr unterhaltsam und zuweilen lustig. Ich mag die unaufgeregte Schreibweise von Alex Capus. Was mir auch gut gefällt, sind die Charaktere. Der Autor drückt ihnen keine Stereotype auf. Betty ist eine selbstbewusste, kluge Frau, die weiß was sie will und Arnold ist kein bestimmender Patriarch. Sie führen ihre Beziehung auf Augenhöhe. Das letzte Drittel der Geschichte bringt noch mal etwas Schwung hinein und ist regelrecht anrührend. Mir hat auch sein letztes Buch „Das kleine Haus am Sonnenhang“ ausnehmend gut gefallen.