Wo Grenzen enden und Geschichten anfangen
Manche Dörfer liegen an einer Grenze. Andere sind eine Grenze.
In Ramsen allerdings scheint sie nicht auf einer Landkarte zu verlaufen, sondern mitten durch die Geschichten der Menschen. Sie kommen nachts, heimlich und querfeldein, verschwinden wieder im Schnee, tragen Waren, Geheimnisse, politische Überzeugungen oder einfach nur die Sehnsucht nach einem anderen Leben über die unsichtbare Linie. Und irgendwo dazwischen steht ein Wirtshaus namens „Zur Moskau“, in dem die Welt einkehrt, bevor sie wieder auseinandergeht.
Hier beginnt Alex Capus’ Querfeldein – und zunächst beginnt es erstaunlich unspektakulär: mit Arnold, einem jungen Mann, der sich nicht recht vorstellen kann, sein ganzes Leben an einem Ort zu verbringen. Arbeit, weiterziehen, wieder Arbeit, weiterziehen. Bloß nicht dieses bürgerliche Leben, das sich wie ein schlecht sitzender Mantel über einen legt. Bis das Leben andere Pläne mit ihm hat. Arnold bleibt. Er baut einen Gasthof. Und dann kommt Betty – hoch zu Ross durch den Schnee. Aus zwei Menschen werden acht Kinder, aus einem Gasthof ein Mittelpunkt des Dorfes und aus einem scheinbar kleinen Familienroman langsam ein Stück großer Geschichte.
Capus erzählt dabei nicht einfach die Geschichte einer Familie. Er erzählt, wie Geschichte in Küchen, Wirtshäusern und Schlafzimmern landet. Wie politische Entscheidungen, die irgendwo weit entfernt getroffen werden, plötzlich darüber bestimmen, wer eine Grenze passieren darf, wer Schmuggler ist, wer Verbrecher, wer Held – und wer sich verliebt.
Besonders Clara, Arnolds älteste Tochter, bringt Bewegung in diese Welt. Sie scheint schon früh nicht dafür gemacht zu sein, sich in die vorgesehenen Linien ihres Lebens einzufügen. Als sie sich 1933 in Hermann Weber verliebt, einen Schmuggler, der sich weder von Uniformen noch von Grenzen besonders beeindrucken lässt, bekommt der Roman eine andere Temperatur. Aus Dorfgeschichten wird Widerstand, aus einer Liebesgeschichte eine politische Angelegenheit. Und plötzlich ist dieses kleine Grenzdorf nicht mehr klein.
Was mir an *Querfeldein* besonders gefällt, ist, dass Capus die große Geschichte nicht von oben erzählt. Keine Staatsmänner im Mittelpunkt, keine endlosen politischen Erklärungen. Stattdessen stehen da Wirt, Schmuggler, Tochter, Bauern, Handwerker und die Menschen am Stammtisch. Diejenigen also, die Geschichte nicht schreiben, aber mit ihr leben müssen.
Und genau darin liegt eine große Stärke des Romans.
Capus hat einen ausgesprochen liebevollen Blick auf seine Figuren. Er lässt ihnen ihre Schrullen, ihre Widersprüche und ihre kleinen Absurditäten. Manche sind dabei fast ein wenig zu eigenwillig, beinahe wie Figuren aus einem modernen Märchen. Aber vielleicht ist genau das die richtige Form für diese Geschichte. Denn *Querfeldein* möchte gar kein nüchterner historischer Tatsachenroman sein. Es ist eher eine Dorfchronik mit Märchenstaub an den Schuhen und Schnee im Kragen.
Der Schreibstil passt wunderbar dazu. Capus schreibt ruhig, klar und mit einer unaufdringlichen Eleganz. Er muss seine Pointen nicht mit einem Ausrufezeichen markieren. Oft steckt der Humor in einem Nebensatz, einer Beobachtung oder einem Dialog. Es ist dieser leise, verschmitzte Humor, der die Geschichte davor bewahrt, schwer zu werden – obwohl sie von Flucht, politischen Spannungen, Verlust und den Zumutungen ihrer Zeit erzählt.
Überhaupt hat Capus ein bemerkenswertes Gespür für **Zwischentöne**. Er interessiert sich für die kleinen Bewegungen eines Menschenlebens: dafür, wie jemand älter wird, wie sich ein Paar verändert, wie Kinder ihre Eltern irgendwann überholen, wie aus einem jungen Mann ein Wirt und aus einem Mädchen eine Frau wird. Das Leben passiert hier nicht in großen Kapiteln, sondern in vielen kleinen Verschiebungen.
Und dann ist da diese Landschaft.
Schnee. Wald. Grenzwege. Ein abgelegenes Dorf. Das Wirtshaus mit seinem Stammtisch. Die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz, die auf dem Papier eine klare Linie sein mag, im Leben der Menschen aber erstaunlich durchlässig erscheint. Capus macht aus diesem Ort beinahe eine eigene Figur. Die Landschaft wird zum Resonanzraum für das, was die Menschen nicht aussprechen.
Besonders reizvoll fand ich die Verbindung von erfundener Familiengeschichte und historisch verbürgten Ereignissen rund um Hermann Weber. Historische Dokumente und Briefe geben dem Roman dabei einen zusätzlichen Boden unter den Füßen. Gleichzeitig erlaubt sich Capus erzählerische Freiheit und einen modernen Ton. Nicht jede Figur und nicht jede Entwicklung wirkt dadurch vollkommen realistisch – manches ist bewusst zugespitzt, fast grotesk. Aber gerade diese Mischung aus Recherche und Fabulierlust macht den besonderen Charme des Romans aus.
Querfeldein ist deshalb für mich weniger ein Roman über Schmuggel als ein Roman über Grenzen geografische, politische, gesellschaftliche und ganz persönliche.
Was darf man überschreten? Was muss man überschreiten?
Und wann wird aus einem Menschen, der sich nicht an eine Grenze hält, plötzlich jemand, der für seine Freiheit bezahlt?
Am Ende bleibt vor allem das Gefühl, ein ganzes Dorf kennengelernt zu haben – mit seinen Stammtischgeschichten, Liebesgeschichten, Geheimnissen und politischen Abgründen. Capus erzählt große Geschichte, ohne sie groß aufzublasen. Er macht sie klein genug, dass man sie anfassen kann.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kunst dieses Romans: Die Weltgeschichte kommt nicht durch das große Tor. Sie schleicht nachts über den Feldweg. Querfeldein.
In Ramsen allerdings scheint sie nicht auf einer Landkarte zu verlaufen, sondern mitten durch die Geschichten der Menschen. Sie kommen nachts, heimlich und querfeldein, verschwinden wieder im Schnee, tragen Waren, Geheimnisse, politische Überzeugungen oder einfach nur die Sehnsucht nach einem anderen Leben über die unsichtbare Linie. Und irgendwo dazwischen steht ein Wirtshaus namens „Zur Moskau“, in dem die Welt einkehrt, bevor sie wieder auseinandergeht.
Hier beginnt Alex Capus’ Querfeldein – und zunächst beginnt es erstaunlich unspektakulär: mit Arnold, einem jungen Mann, der sich nicht recht vorstellen kann, sein ganzes Leben an einem Ort zu verbringen. Arbeit, weiterziehen, wieder Arbeit, weiterziehen. Bloß nicht dieses bürgerliche Leben, das sich wie ein schlecht sitzender Mantel über einen legt. Bis das Leben andere Pläne mit ihm hat. Arnold bleibt. Er baut einen Gasthof. Und dann kommt Betty – hoch zu Ross durch den Schnee. Aus zwei Menschen werden acht Kinder, aus einem Gasthof ein Mittelpunkt des Dorfes und aus einem scheinbar kleinen Familienroman langsam ein Stück großer Geschichte.
Capus erzählt dabei nicht einfach die Geschichte einer Familie. Er erzählt, wie Geschichte in Küchen, Wirtshäusern und Schlafzimmern landet. Wie politische Entscheidungen, die irgendwo weit entfernt getroffen werden, plötzlich darüber bestimmen, wer eine Grenze passieren darf, wer Schmuggler ist, wer Verbrecher, wer Held – und wer sich verliebt.
Besonders Clara, Arnolds älteste Tochter, bringt Bewegung in diese Welt. Sie scheint schon früh nicht dafür gemacht zu sein, sich in die vorgesehenen Linien ihres Lebens einzufügen. Als sie sich 1933 in Hermann Weber verliebt, einen Schmuggler, der sich weder von Uniformen noch von Grenzen besonders beeindrucken lässt, bekommt der Roman eine andere Temperatur. Aus Dorfgeschichten wird Widerstand, aus einer Liebesgeschichte eine politische Angelegenheit. Und plötzlich ist dieses kleine Grenzdorf nicht mehr klein.
Was mir an *Querfeldein* besonders gefällt, ist, dass Capus die große Geschichte nicht von oben erzählt. Keine Staatsmänner im Mittelpunkt, keine endlosen politischen Erklärungen. Stattdessen stehen da Wirt, Schmuggler, Tochter, Bauern, Handwerker und die Menschen am Stammtisch. Diejenigen also, die Geschichte nicht schreiben, aber mit ihr leben müssen.
Und genau darin liegt eine große Stärke des Romans.
Capus hat einen ausgesprochen liebevollen Blick auf seine Figuren. Er lässt ihnen ihre Schrullen, ihre Widersprüche und ihre kleinen Absurditäten. Manche sind dabei fast ein wenig zu eigenwillig, beinahe wie Figuren aus einem modernen Märchen. Aber vielleicht ist genau das die richtige Form für diese Geschichte. Denn *Querfeldein* möchte gar kein nüchterner historischer Tatsachenroman sein. Es ist eher eine Dorfchronik mit Märchenstaub an den Schuhen und Schnee im Kragen.
Der Schreibstil passt wunderbar dazu. Capus schreibt ruhig, klar und mit einer unaufdringlichen Eleganz. Er muss seine Pointen nicht mit einem Ausrufezeichen markieren. Oft steckt der Humor in einem Nebensatz, einer Beobachtung oder einem Dialog. Es ist dieser leise, verschmitzte Humor, der die Geschichte davor bewahrt, schwer zu werden – obwohl sie von Flucht, politischen Spannungen, Verlust und den Zumutungen ihrer Zeit erzählt.
Überhaupt hat Capus ein bemerkenswertes Gespür für **Zwischentöne**. Er interessiert sich für die kleinen Bewegungen eines Menschenlebens: dafür, wie jemand älter wird, wie sich ein Paar verändert, wie Kinder ihre Eltern irgendwann überholen, wie aus einem jungen Mann ein Wirt und aus einem Mädchen eine Frau wird. Das Leben passiert hier nicht in großen Kapiteln, sondern in vielen kleinen Verschiebungen.
Und dann ist da diese Landschaft.
Schnee. Wald. Grenzwege. Ein abgelegenes Dorf. Das Wirtshaus mit seinem Stammtisch. Die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz, die auf dem Papier eine klare Linie sein mag, im Leben der Menschen aber erstaunlich durchlässig erscheint. Capus macht aus diesem Ort beinahe eine eigene Figur. Die Landschaft wird zum Resonanzraum für das, was die Menschen nicht aussprechen.
Besonders reizvoll fand ich die Verbindung von erfundener Familiengeschichte und historisch verbürgten Ereignissen rund um Hermann Weber. Historische Dokumente und Briefe geben dem Roman dabei einen zusätzlichen Boden unter den Füßen. Gleichzeitig erlaubt sich Capus erzählerische Freiheit und einen modernen Ton. Nicht jede Figur und nicht jede Entwicklung wirkt dadurch vollkommen realistisch – manches ist bewusst zugespitzt, fast grotesk. Aber gerade diese Mischung aus Recherche und Fabulierlust macht den besonderen Charme des Romans aus.
Querfeldein ist deshalb für mich weniger ein Roman über Schmuggel als ein Roman über Grenzen geografische, politische, gesellschaftliche und ganz persönliche.
Was darf man überschreten? Was muss man überschreiten?
Und wann wird aus einem Menschen, der sich nicht an eine Grenze hält, plötzlich jemand, der für seine Freiheit bezahlt?
Am Ende bleibt vor allem das Gefühl, ein ganzes Dorf kennengelernt zu haben – mit seinen Stammtischgeschichten, Liebesgeschichten, Geheimnissen und politischen Abgründen. Capus erzählt große Geschichte, ohne sie groß aufzublasen. Er macht sie klein genug, dass man sie anfassen kann.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kunst dieses Romans: Die Weltgeschichte kommt nicht durch das große Tor. Sie schleicht nachts über den Feldweg. Querfeldein.