Die Suche nach Bestimmung und Bestimmtheit

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ron_robert_rosenberg Avatar

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Was ist das Leben, wenn nicht die Suche nach einem Stück Normalität? In ihrem vielschichtigen Roman über „wahrhaftige Amerikaner“ spürt die junge Autorin Khong dieser Frage nach. Sie siedelt ihren Generationenroman in den USA an, spannt den geographischen Faden von der Westküste bis zur Ostküste. Als Anker dient ihr eine Insel in Washington, die selbst zum Symbol der Suchenden und Hoffenden wird.
Es ist nicht leicht, den 528 Seiten starken Schmöker zu verorten. Er ist Gesellschafts-, Coming-of-Age-, Wissenschafts- und Schicksalsroman.
Mit gekonnt leichter Feder zeichnet Khong zunächst das Bild einer jungen, selbstironischen Frau namens Lily, Tochter chinesischer Einwanderer, die sich in bester Pretty-Woman-Manier in den Multi-Millionärssohn Matthew verliebt. Bereits hier prallen Selbstzweifel, Hoffnung, Selbstachtung und Zurückweisung aufeinander. Das Zusammenpassen dieser beider Herzen erhält durch die äußeren Umstände, nämlich ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihrer Herkunft und ihrer Überzeugungen, Risse. Ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt. Dabei umranken mehrere Geheimnisse Lilys Leben und ihr Beziehungsgeflecht. Insbesondere Lilys Mutter und Matthews Vater scheinen mehr voneinander zu wissen, als offenbart wird. Dabei gehört Matthews Familie ein Biopharma-Konzern, während Lilys Eltern als Biowissenschaftler in die USA einreisten. Mysteriös ist auch Lilys Wahrnehmung, da sich Augenblicke in längere Zeitabschnitte dehnen. Etwas, das sie nicht verstehen kann.
Im zweiten Teil, der wesentlichen Sinnsuche nach Selbstbestimmung und Normalität, steht Lilys Sohn Nick im Vordergrund. Er ist in Collegealter und auf Erkundungsreise nach dem passenden Studienplatz. Die Beziehung hatte nicht gehalten, so dass Nick ohne Vater aufgewachsen war. Nun muss er reife Entscheidungen treffen, die auch die Frage beantworten muss, ob er sich eher zur Mutter oder nun zu seinem Vater, dessen Identität er erst jetzt lüftet, bekennt. Der Konflikt spitzt sich zu. Nick kann nicht verstehen und ihr auch nicht verzeihen, warum ihn seine Mutter von dem Kontakt zum Vater abgehalten hat. Seinem Vater gegenüber ist er ebenfalls skeptisch. Schließlich existiert ein weiterer, etwas jüngerer Sohn, den Nick eifersüchtig als den richtigen Sohn betrachtet. Ebenso wenig begreift er die merkwürdigen Zeitdehnungen, die bereits seine Mutter empfand. Eingebettet ist das Ganze in ein Campus-Leben, das Nick mit allen Höhen und Tiefen durchläuft. Dabei werden auf der Gefühlsebene mit wechselnden Partnerschaften alle Register gezogen. Dabei möchte Nick vor allem eines: normal und er selbst sein.
Zuletzt erhält die Leserschaft den weisen Einblick in das alles andere als rosige Leben in den Vereinigten Staaten aus der Sicht von Mai, Lilys Mutter, bevor sie sterben wird. Dafür springt man im Lauf der Geschichte in die nahe Zukunft, ins Jahr 2030. Hier fügen sich alle Puzzleteile zu einer Lösung zusammen. Erzählt wird der Wandel der Zeit, die Beziehung zwischen den Großmächten USA und China sowie die Beschwernis, denen Auswanderer in die Staaten ausgesetzt sind.
Ein Buch, das sehr viele Denkansätze beinhaltet. Es wirft Fragen zur Genforschung auf, zur Ethik, zu den Herausforderungen der Zivilisation, zur Bedeutung der Familie, der Liebe und der Selbstfindung. Es spart auch nicht mit der Kritik, welche Einflussfaktoren existieren, welche machtgeleiteten Versuche, um diese Fragen von außen zu beantworten. Dabei bleibt am Ende die Erkenntnis, dass kein Weg daran vorbeiführt, sich diese Fragen selbst zu stellen und für sich eine Antwort zu finden. Nicht als Amerikaner, sondern als Mensch.
Ein sehr gelungenes Buch mit hohem Unterhaltungswert. 528 Seiten, die man gelesen haben muss.