Ein Roman, der seine Tiefe erst nach und nach entfaltet

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Real Americans von Rachel Khong ist ein vielschichtiger, klug komponierter Roman über Identität, Herkunft und die unsichtbaren Kräfte, die Familien über Generationen hinweg prägen. Im Zentrum steht Lily Chen, die als Tochter chinesischer Einwanderer in den USA aufwächst, sich in einen Mann aus einer wohlhabenden, weißen Familie verliebt und erst nach und nach begreift, welche Geheimnisse, gesellschaftlichen Machtstrukturen und familiären Entscheidungen ihr eigenes Leben und das ihres Sohnes bestimmen.

Der Roman ist in drei große Teile gegliedert, die jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden und verschiedene Generationen in den Blick nehmen. Diese Struktur erklärt auch den Umfang von 528 Seiten: Jede Perspektive entfaltet ihre eigene Geschichte, bevor sich die Zusammenhänge allmählich zu einem größeren Ganzen fügen.

Zu Beginn hatte ich tatsächlich das Gefühl, einen klassischen Coming-of-Age-Roman zu lesen. Lange war nicht klar, wohin die Reise geht, und besonders die Liebesgeschichte nahm für meinen Geschmack etwas viel Raum ein. Doch gerade wenn man sich in dieser vermeintlichen Alltäglichkeit eingerichtet hat, beginnt der Roman, seine eigentliche Tiefe zu entfalten: Immer mehr Geheimnisse und Hintergründe treten zutage, die dem Buch eine überraschende Spannung verleihen und die vorherigen Ereignisse in ein neues Licht rücken.

Ein besonderer Aspekt des Romans sind seine Protagonistinnen und Protagonisten. Sie blieben mir emotional teilweise fremd, wirkten jedoch durchweg authentisch und von einer leisen Melancholie durchzogen. Gerade diese Mischung aus Distanz und Glaubwürdigkeit macht ihren Reiz aus: Es sind ausgeprägt gezeichnete Charaktere, deren innere Konflikte und Sehnsüchte spürbar sind.

Trotz der komplexen Themen liest sich der Roman sehr leicht und flüssig. Man kann der Handlung jederzeit gut folgen. Zwar hat das Buch einige Längen – eine etwas straffere Fassung, besonders im ersten Teil, hätte ich begrüßt –, doch insgesamt überzeugt es durch seine erzählerische Klarheit, seine emotionale Intensität und die kluge Verknüpfung persönlicher und gesellschaftlicher Fragen. „Real Americans“ ist ein Roman, der lange nachhallt und dessen Puzzleteile sich erst nach und nach zu einem beeindruckenden Gesamtbild zusammensetzen - er ist zu Recht ein New York Times-Bestseller.