Eine emotionslose Geschichte, die so viel mehr Potential gehabt hätte!

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kiki2705 Avatar

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„Real Americans“ von Rachel Khong – ein Roman, der als herausragender New-York-Times-Bestseller beworben wird.
Mich konnte er leider nicht überzeugen.
Das Cover und den Einband finde ich insgesamt recht nichtssagend; die gezeigte Auster findet sich jedoch als Motiv im Buch wieder und somit ist es dann wieder stimmig.
Das Buch ist in 3 Teile gegliedert, die jeweils eine andere Sicht aufzeigen.
Zunächst begleitet man Lilly, Tochter von chinesischen Auswanderern, die in Amerika lebt und deren Eltern sehr viel Wert darauf legen, ein „richtiges“ amerikanisches Leben zu leben und der Tochter möglichst keine chinesischen Werte und Traditionen vorzuleben. Sie ist als unbezahlte Praktikantin tätig und lernt bei einer Feier Matthew Maier kennen – einen sehr reichen Sohn und Erbe eines multinationalen Pharmaunternehmens. Die Liebe zwischen den beiden ist von Anfang an unausgeglichen und es hat mich sehr gestört, dass Lilly sich förmlich in die Abhängigkeit begeben hat ohne jeglichen Widerstand.
Gefühle und tiefe Gespräche finden zwischen den beiden nicht statt. Der Schreibstil ist distanziert und man hat das Gefühl, dass Alltagssituationen einfach abgespult werden. Teilweise hatte ich sogar beim Lesen das Gefühl, dass ich etwas verpasst habe, da man plötzlich in einer anderen Situation war ohne weitere Begründung oder Nachvollziehbarkeit.
Im 2. Teil begleitet man Nick, Sohn von Lilly und Matthew. Lilly und er wohnen auf einer kleinen Insel in ärmlichen Verhältnissen und Nick hat immer mehr die Frage im Kopf, wer eigentlich sein Vater ist.
Grundsätzlich konnte ich mich in die Gedankenwelt von Nick etwas besser hineinversetzen als in die seiner Mutter. Aber auch hier wurde das Leben einfach abgespult.
Im 3. Teil des Buches kommt dann die Großmutter May/Mei zu Wort, die als junge Frau aus Peking geflohen ist und in Amerika ihren Traum vom Arbeiten in der Wissenschaft erfüllen konnte. Ihre Sichtweise hat viele Situationen aus der Vergangenheit erklärt, war mir aber zu spät. Den Blick auf ihre Kindheit in China, die dortigen Traditionen und die Entwicklungen unter Mao Zedong fand ich sehr interessant, konnten aber den Rest des Buches für mich nicht mehr aufwiegen.
Grundsätzlich hatte ich mit dem Schreibstil keine Probleme – es ließ sich leicht und flüssig lesen.
Meine Erwartungen auf eine große Familiengeschichte mit tieferen Emotionen und Entwicklungen wurden leider enttäuscht.
Der Roman beinhaltet unglaublich viele wichtige Themen wie Herkunft, Identität, aber auch offenen und versteckten Rassismus in so vielen Lebenslagen. An sich sind dies alles Themen, die einen tiefgründigen Roman erwarten lassen und hier leider nicht das bestehende Potential ausgeschöpft wurde.
Die über allem schwebende Frage der Genetik und welches Recht der Mensch hat, an dieser herumzudoktern, wurde immer mal wieder angerissen und zog sich als roter Faden durch das Buch. Die Auflösung der Geheimnisse kam für mich jedoch viel zu schnell und oberflächlich.
Insgesamt hatte ich mit diesem Buch leider keine große Freude. Für mich war es eher eine Enttäuschung und ich würde es somit auch nicht weiterempfehlen. 2 von 5 Sternen!