Große Themen, zu wenig Tiefe

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coni90 Avatar

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Der Roman "Real Americans" von Rachel Khong hat mich zunächst sofort gepackt. In den ersten Kapiteln bin ich sehr gut in die Geschichte hineingekommen und habe den Einstieg in einem Rutsch gelesen. Der Schreibstil der Autorin ist atmosphärisch und sehr detailreich, was für lebendige Szenen sorgte, mir zum Ende hin aber doch zu detailreich-ausufernd wurde.

Im Mittelpunkt steht zunächst die Protagonistin Lily, die in ihren Zwanzigern in New York lebt und Kind chinesischer Einwanderer ist. Sie wirkte orientierungslos und ein wenig wie auf dem Abstellgleis ihres eigenen Lebens: beruflich wie privat isoliert, ohne klares Ziel vor Augen und mit einem geringen Selbstbewusstsein. Gerade diese Unsicherheit machte sie aber auch glaubwürdig. Sie hatte oft das Gefühl, nicht wirklich irgendwo dazuzugehören - weder gesellschaftlich noch kulturell.

Ein wichtiger Aspekt des Romans ist die Frage nach Identität. Der Titel deutet es bereits an: Wer ist eigentlich ein „echter Amerikaner“? Lily sieht sich selbst ganz selbstverständlich als Amerikanerin. Gleichzeitig wird sie im Alltag immer wieder mit Fragen und Erwartungen konfrontiert, die ihr signalisieren, dass andere sie wegen ihres asiatischen Aussehens nicht so wahrnehmen. Besonders interessant fand ich den Konflikt zwischen äußerer Wahrnehmung und eigener Identität – ein Thema, das leider bis heute viele Menschen betrifft. Umso enttäuschter war ich, dass dieses Thema nicht die Tiefe und Auseinandersetzung erhielt, die ich mir erhofft hatte. Eine Ursache hierfür war, dass Lily leider kein Selbstbewusstsein hat und in den entsprechenden Situationen schwieg statt Missstände anzusprechen und aufzudecken. Eine weitere, dass der Roman diverse Themenfelder öffnete und dieses Hauptthema dadurch oft aus dem Fokus geriet.

Als Lily den gleichaltrigen Matthew kennenlernt, der der Inbegriff des privilegierten weißen Amerikaners ist, spielt eben diese Frage nach Identität und Herkunft eine große Rolle. Trotzdem hatte ich lange den Eindruck, dass sie sich eigentlich gut tun könnten. Leider entstanden im Verlauf viele Konflikte bzw. verschärften sich durch beidseitiges Schweigen und mangelnde Kommunikation. Auch ihr gemeinsamer Sohn Nick, dessen Perspektive im 2. Abschnitt des Romans im Fokus steht, hat unter diesen Auswirkungen zu leiden.

Im weiteren Verlauf weitet sich die Geschichte zu einem generationenübergreifenden Familienroman, der insbesondere Lilys Mutter Mei in den Fokus nimmt, aus. Dabei werden Themen wie Herkunft, Migration, wissenschaftlicher Fortschritt und familiäre Erwartungen miteinander verknüpft. Besonders spannend fand ich die Fragen rund um Genetik und medizinische Möglichkeiten – hier wirft der Roman einige wichtige ethische Überlegungen auf.

Allerdings hatte ich auch einige Schwierigkeiten mit der Struktur des Buches. Die Handlung schreitet teilweise sehr schnell voran und wichtige Entwicklungen werden im Zeitraffer erzählt. Dadurch blieben manche emotionalen Momente doch sehr auf Distanz. Insgesamt wirkte der Roman auf mich stellenweise etwas chaotisch, da viele unterschiedliche Themen und Perspektiven gleichzeitig eröffnet wurden.

Gerade die großen Fragen, die das Buch aufwirft – etwa zu Identität, Herkunft, wissenschaftlichem Fortschritt oder familiären Prägungen – wurden für mein Empfinden zu oberflächlich behandelt. Ich hätte mir gewünscht, dass einige dieser Aspekte mehr Raum bekommen, statt nur angerissen zu werden.

Am stärksten fand ich jene Passagen, die sich intensiver mit der Familiengeschichte und den Erfahrungen der älteren Generation rund um Lilys Mutter Mei beschäftigten. Hier bekam der Roman endlich eine emotionale Tiefe und historische Dimension, die mich wirklich sehr berührt hat.

Insgesamt fühlte sich das Buch für mich stellenweise an wie drei unterschiedliche Romane in einem: eine Art Liebesgeschichte, eine Familienchronik über mehrere Generationen und ein gesellschaftlicher Roman über Wissenschaft, Identität und Privilegien. Viele dieser Aspekte waren interessant, aber sie griffen nicht so nahtlos ineinander, wie ich es mir gewünscht hätte und verloren sich leider im Potpourri der vielen Themen. Hinzu kam eine Art Fantasy-Element, dessen Bedeutung sich mir bis zuletzt leider nicht erschloss.

"Real Americans" wirkte daher auf mich wie ein Roman-Experiment mit spannenden Ideen und wichtigen Fragen über Zugehörigkeit, Herkunft und darüber, was Familien – genetisch wie emotional – miteinander verbindet, der es aber wegen seiner partiellen Oberflächlichkeit nur zum Teil schaffte, Emotionen bei mir hervorzurufen.