Herkunft, Identität und Klasse im modernen Amerika

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"Real Americans" wird schon am Cover als herausragendes Werk angepriesen, auch auf der Rückseite und auf den Innenklappen finden sich viele Lobpreisungen, der Verlag vermarktet es unter dem Slogan "Deutschland liest ein Buch". Das wunderschöne Cover mit der Auster macht neugierig, genauso wie der Titel. Insgesamt weckt das alles hohe Erwartungen an ein außergewöhnliches Werk.

Tatsächlich handelt es sich auch um ein sehr lesenswertes Buch, das viele aktuelle Themen, die insbesondere die USA, aber im weiteren Sinn auch die Welt beschäftigen, behandelt. Es geht um Migration, Herkunft, Identität, Familiengeschichte, soziale Klassen, Macht, Geld und die damit verbundenen Privilegien, um Liebe zwischen Familienmitgliedern, Enttäuschungen, Entfremdung und Verrat, darum, was uns prägt und wer wir sind, wie wir uns innerlich fühlen und was uns von außen zugeschrieben wird. Auch Genetik, Epigenetik und aktuelle ethische Fragen der Biomedizin insbesondere im Bereich Kinderwunsch spielen eine Rolle, ebenso wie das kommunistische China und kulturelle Unterschiede und Normen.

All diesen Themen nähert sich das Buch aus drei Perspektiven an, die nicht chronologisch erzählt sind und jeweils eines der Mitglieder einer chinesisch-amerikanischen Familie ins Zentrum rücken. Die Geschichte beginnt mit Lily Chen, die in den USA geboren und aufgewachsen ist, als Tochter aus China eingewanderter Eltern, die als Forscher in der Biomedizin-Branche arbeiten und sich erhofft hätten, auch die Tochter würde sich für die Naturwissenschaften begeistern. Doch diese hat sich den eher brotlosen Geisteswissenschaften zugewandt und bis jetzt nach ihrem Studienabschluss nur ein unbezahltes Praktikum in einem Medienkonzern gefundet, sodass sie nach wie vor auf die finanzielle Unterstützung der Eltern angewiesen ist.

Insgesamt ist die Beziehung zwischen Tochter und Eltern, und insbesondere die Mutter-Tochter-Beziehung, eine schwierige, hat die Mutter doch im kommunistischen China nicht gelernt, Gefühle offen zu zeigen. Zwar sagt sie der Tochter immer wieder, dass sie diese liebe, denn sie hat gelernt, dass man das in Amerika so macht, doch emotional kommt es bei Lily nicht so ganz an. Auch sonst hat es Lily nicht so leicht: mit ihren asiatischen Gesichtszügen wird sie, obwohl in den USa geboren, perfekt Englisch sprechend und hochgebildet, immer wieder von anderen nicht als ganz vollwertige Amerikanerin, "real American" angesehen und muss so einiges an Diskriminierungen ertragen. In dieser Situation lernt Lily auf einer Firmenveranstaltung Matthew kennen, unendlich reicher Erbe eines Pharmaimperiums, und die zwei verlieben sich ineinander, doch Lily leidet darunter, das Gefühl zu haben, in Bezug auf ihre Klasse und gesellschaftliche Position so weit unter ihrem Partner zu stehen, und unter dem Machtgefälle, das das mit sich bringt.

So ist es auch nicht ganz verwunderlich, dass wir im zweiten Teil Lily als alleinerziehende Mutter ihres Sohnes Nick kennen lernen und diesen Teil vor allem aus Nicks Perspektive erleben. Lily hat Nick von allen technologischen Errungenschaften unserer Zeit ferngehalten, er wächst ohne Handy, Computer und E-Mail auf, hat nur einen einzigen Freund, fühlt sich als Außenseiter und versucht verzweifelt, herauszufinden, wer sein Vater sein könnte. Auch Nick hat mit den Zuschreibungen anderer Menschen zu kämpfen, aber ganz anders als Lily: er kommt äußerlich sehr nach seinem kaukasisch-weißen Vater, in seinen Gesichtszügen ist trotz chinesischstämmiger Mutter nichts Asiatisches zu entdecken und insbesondere später am College, in einer Zeit, in der es so wichtig wird, sich über die eigene Ethnizität zu identifizieren, wird ihm sein asiatisches Erbe immer wieder von anderen abgesprochen, was seine Orientierungslosigkeit und sein Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit verstärkt.

Im dritten Teil lernen wir schließlich noch die Perspektive von Mai, Lilys Mutter, kennen, die im kommunistischen China aufgewachsen ist, einiges an Entbehrungen unter Mao miterleben musste, in China Naturwissenschaften studiert hat und schließlich auf dramatische Art und Weise das Land verlassen und in die USA auswandern konnte. Insbesondere dieser Teil war für mich sehr interessant zu lesen, weil ich so einiges Neue über Chinas Vergangenheit lernen konnte und auch einen erweiterten Blick darauf bekommen habe, was für eine Herausforderung es für Auswanderer aus dieser Kultur bedeuten kann, in den USA neu Fuß zu fassen und wie bemerkenswert gut das viele von ihnen trotzdem hinbekommen haben.

Insgesamt war das Buch für mich sehr interessant zu lesen. Am Anfang habe ich ein bisschen gebraucht, um in die Geschichte reinzukommen bzw. hat sie für mich umso mehr Tiefe entfaltet, je weiter die Erzählung vorangeschritten ist und die Charaktere aus den verschiedenen Generationen der Familie vorgestellt wurden. Auch die Familienbeziehungen haben durch die verschiedenen Perspektiven für mich an Reichhaltigkeit dazu gewonnen. Es war ein spannendes und unterhaltsames Leseerlebnis, mit einigen überraschenden Wendungen und tiefgreifenden Fragen zu vielfältigen Themen, die zum Nachdenken und Diskutieren anregen.

Streckenweise gab es Abschnitte, die mich etwas weniger interessiert haben als die anderen, das war insbesondere am Anfang beim langen Kennenlernen von Lily und Matthew der Fall und später während Nicks ausführlich geschilderten Collegeerfahrungen. Bei manchen Details im Bereich Biogenetik war ich mir auch nicht ganz sicher, wie realistisch die im Buch beschriebenen Szenarien sind. Sprachlich empfand ich das Buch als solide, aber nicht außergewöhnlich.

Ausgeglichen wurden diese kleinen Mängel aber durch die gelungene Verflechtung vieler spannender, zeitgenössischer Themen und ein insgesamt unterhaltsames und vielseitiges Buch, das bestens zum aktuellen Zeitgeist passt und interessante Debatten dazu inspirieren kann.