Sollte Deutschland dieses Buch lesen?

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yernaya Avatar

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Ein Hoch auf das Marketing von Kiepenheuer & Witsch. Da wird ein 526-Seiten-Wälzer zum Mittelpunkt einer Aktion mit dem Namen “Deutschland liest ein Buch” gekürt, wobei es sich bei dieser Aktion um eine Erfindung des Verlages handelt. Das ist schon clever gemacht. Versprochen wird uns “ein großer amerikanischer Roman über Herkunft, Identität, Streben nach Zugehörigkeit und den alles überschattenden Wunsch, dass es der nächsten Generation besser gehen soll”, so der Klappentext. Wer so viele Erwartungen aufbaut, muss sich auch daran messen lassen.

Voller Erwartung habe ich also das Buch “Real Americans” von Rachel Khong zur Hand genommen. Das (Schmutz)Cover lässt sich durchaus sehen, eine geschlossene Muschel vor hellblauem Hintergrund, passend dazu der Titel und das Lesebändchen in hellem gelb. Und tatsächlich taucht das Motiv der Auster an zahlreichen Stellen im Buch auf. Allerdings ist das fast schon das am besten gelungene Detail.

Sprachlich ist das Buch keine Herausforderung, es ist leicht zu lesen, wird mir aber stilistisch wohl nicht in Erinnerung bleiben. Aufbau und Inhalt sind dann leider ziemlich enttäuschend. Der Roman gliedert sich in drei Teile. Im ersten geht es um eine Liebesgeschichte zwischen der chinesischstämmigen Lily, unbezahlte Praktikantin und dem superreichen Pharmakonzern-Sprößling Matthew. Was sich nach Kitsch anhört, hätte trotzdem spannend werden können. Doch Khong bleibt hier und in den weiteren Teilen des Buches leider zumeist oberflächlich. Die Figuren wirken hölzern und unnahbar, sie kommunizieren zu wenig miteinander und so erschließen sich oft nicht die Gründe für ihr Handeln.

Im zweiten Teil begegnen wir ihrem gemeinsamen Sohn Nick und im dritten Teil vor allem Lilys Mutter May/Mei. Was klingt wie eine Familiensaga bleibt leider eine Anhäufung von Episoden im Schnelldurchlauf. Doch dann wieder stockt der Lesefluss und einzelne Abschnitte werden quälend ausufernd erzählt, ohne dass sie die Geschichte wirklich voranbringen. Eine unendliche Zahl an Themen wird angerissen, ohne dass auch nur eines davon eine ausreichende Tiefe erhält: ethnische Zuschreibungen, Geschlechterdivergenzen, Klassenzugehörigkeit, Drogenmissbrauch, Bioethik, maoistischer Steinzeitkommunismus, ein bisschen Mystik, Millenium und 9/11 - und wahrscheinlich habe ich noch einige vergessen. Doch da das alles an der Oberfläche bleibt, reihen sich oft die Klischees aneinander.

So hat sich mir leider nicht erschlossen, warum Deutschland dieses Buch lesen sollte. Man kann es lesen, kann seine Zeit aber auch anders verbringen. Ehrlicherweise kann ich hier nur 2 Sterne ⭐⭐ vergeben.