Wenn die Zeit zum Stillstand kommt

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Silvester im Jahr 1999 in New York City: Die 22-jährige Lily Chen, die Tochter der chinesischen Einwanderer May und Charles, arbeitet nach ihrem Studium in Manhattan als unbezahlte Praktikantin in einem Medienunternehmen. Bei einer Firmenfeier lernt sie zufällig Matthew (27) kennen. Er ist attraktiv und charmant. Was er Lily zunächst nicht sagt: Er ist Erbe des Pharmaimperiums Maier. Doch trotz ihrer Unterschiedlichkeit finden beide zusammen. 21 Jahre später lebt Lily mit ihrem Sohn Nick zurückgezogen auf einer Insel - ohne Matthew. Was ist geschehen?

„Real Americans“ ist ein Roman von Rachel Khong.

Die Geschichte umfasst 54 Kapitel, die sich auf drei Teile erstrecken. Letztere sind aus der Perspektive von drei verschiedenen Protagonisten erzählt, beginnend mit Lily. Die Handlung spielt vorwiegend, aber nicht nur in den USA und China. Dabei umspannt die Geschichte die Zeit der 1960er-Jahre bis 2030, also ungefähr sieben Jahrzehnte.

Zwei Frauen und ein Mann sind die zentralen Figuren des Romans: die drei Generationen der Familie Chen. Es sind Großmutter, Tochter und Enkel. Insbesondere den zwei Frauen kommen wir nahe. Ihre Gedanken und Gefühle werden sehr deutlich und sind nachvollziehbar. Aber auch Enkelsohn Nick wird mit psychologischer Tiefe und Authentizität gezeichnet.

In der Geschichte stecken mehr als eine Handvoll Themen. Es geht um Herkunft, Identität, Zugehörigkeit, Rassismus, Klassizismus, Integrität, Ethik, Sinnsuche und Migration. Dabei wird vor allem eine Frage aufgeworfen: Was macht uns zu dem, was wir sind? In diesem Zusammenhang wird einerseits der Einfluss der Familie beleuchtet: in soziologischer und biologischer Hinsicht. Andererseits spielt die Nationalität ebenfalls eine Rolle: Ab wann darf man sich als „echter Amerikaner“ bezeichnen?

Als bereichernd habe ich empfunden, etwas über Maos Kulturrevolution zu lesen. Kritisch setzt sich der Roman auch mit dem „American Way of Life“, dem „American Dream“ und kapitalistischen Auswüchsen auseinander.

Auf den mehr als 500 Seiten ist die Geschichte unterhaltsam und kommt größtenteils ohne Längen und Redundanzen aus. Zwar beinhaltet die Handlung ein, zwei übernatürliche Elemente und wirkt zum Teil ein wenig konstruiert. Das hat mein Lesevergnügen jedoch kaum geschmälert.

Die Sprache des Romans ist anschaulich und angenehm lesbar, zwar nicht hochliterarisch, aber auch nicht zu plump. Die deutsche Übersetzung von Tobias Schnettler ist äußerst solide und nur an wenigen Stellen etwas holprig.

Das deutsche Covermotiv mit der stilisierten Auster wirkt edel und sehr ansprechend. Tatsächlich passt es auch aus inhaltlicher Sicht gut zum Roman. Der Titel ist aus dem amerikanischen Original übernommen.

Mein Fazit:
„Real Americans“ von Rachel Khong ist ein vielseitiger, kurzweiliger und aufschlussreicher Roman, der zudem einen hohen Unterhaltungswert hat. Definitiv lesenswert!