Wenn Menschen das Schicksal kontrollieren wollen

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jackolino Avatar

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"Real Americans“ ist der zweite Roman der US-amerikanischen Schriftstellerin Rachel Khong.
Eine Auster ziert das Cover in einem zarten Türkis, für mich ein Symbol für Verschlossenheit, andererseits aber auch ein Symbol für Luxus, für eine teure Delikatesse, die gut zu Champagner passt. Beide Konnotationen passen gut zum Inhalt des Buches.
Auch der Titel des Buches wirft Fragen auf: Wer ist ein echter Amerikaner? Wir wissen, es ist ein Land von Einwanderern aus allen Ländern dieser Welt, einige früher, andere erst im 20. Jahrhundert. Und doch fühlen sich offenbar viele auch nach Generationen noch nicht richtig heimisch geworden.
Das Buch ist in drei Abschnitte eingeteilt und jeder Abschnitt ist aus Sicht einer anderen Person geschrieben.
• Abschnitt 1 aus Sicht von Lily, der Tochter chinesischer Einwanderer nach den USA zwischen 1999 - 2003
• Abschnitt 2 aus Sicht von Nick, Sohn von Lily ab 2021
• Abschnitt 3 aus Sicht von May, Mutter von Lily und Großmutter von Nick im Jahr 2030

Lily, eine junge Frau chinesischer Abstammung, aber schon in den USA geboren und aufgewachsen, arbeitet unentgeltlich als Praktikantin in einer Werbeagentur.
Bei der Weihnachtsfeier lernt sie den Neffen ihres Chefs kennen. Matthew ist der Erbe eines Pharma-Imperiums und steinreich, aber auch er hadert mit der Familie, den Erwartungen, dem vielen Geld, das ihm zur Verfügung steht. Die beiden verbringen ein Jahr zusammen, dann trennen sie sich, um sich zwei Jahre später wiederzutreffen und erneut der Anziehungskraft des jeweils anderen zu erliegen.
Die beiden heiraten und in China während einer Geschäftsreise wird ihr erstes Kind geboren. Aber Lily hat irgendwie immer noch das Gefühl in einem Traum gefangen zu sein, sie kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass ihr das tatsächlich passiert. Sie passt nicht in die neue Umgebung. In China spürt sie zum ersten Mal der Vergangenheit ihrer Mutter nach, die vor der Kulturrevolution eine vielversprechende Biologin und Wissenschaftlerin war. Ihre Eltern haben ihr nie von der Vergangenheit erzählt.

Im Jahr 2021 ist Nick bereits ein Teenager. Dieser Teil des Buches ist aus seiner Sicht geschrieben.
Lily hatte sich früh von Matthew getrennt, die Gründe erfahren wir erst nach und nach. Lily zog mit ihrem kleinen Sohn an die Westküste auf eine Insel vor Seattle. Nick wuchs in einfachen Verhältnissen auf, Lily wollte ihrem Sohn eine ganz normale Kindheit ermöglichen, fernab von Luxus und zu viel Berieselung durch die Medien.
Nun ist er an der Schwelle zum Erwachsenwerden und seine Mutter hat ihm immer noch nicht gesagt, wer sein Vater ist. Nach einem Gentest meldet sich einige Zeit später Matthew bei ihm, die beiden treffen sich, wann immer Matthew an der Westküste zu tun hat und Zeit erübrigen kann.
Er ist von seiner Mutter darauf getrimmt, Dinge aus eigener Kraft zu schaffen, jetzt erlebt er zum ersten Mal, wie wichtig ein großer Name im Hintergrund sein kann. Er entscheidet sich für ein Studium an der Yale University, nimmt es aber letztendlich seinem Vater übel, dass der Name Maier ihm die Zusage verschafft hat.
Auch mit seiner Mutter überwirft er sich, er wirft ihr vor, ihn belogen zu haben und bricht den Kontakt ab.

Der dritte Abschnitt führt uns in die Zukunft und ist aus Sicht von May, Lilys Mutter und Nicks Großmutter geschrieben. Aus der brillanten Wissenschaftlerin ist eine verarmte alte Frau geworden, ihr Mann ist lange vor ihr gestorben und sie lebt in der Nähe ihrer Tochter in San Francisco, ohne sie je zu sehen. Auch hier ist der Kontakt abgebrochen, auch wenn May ihn sich sehnlichst wünscht. Nick, ihr unbekannter Enkel lebt ebenfalls in San Francisco und trifft eines Tages zufällig auf seine Großmutter. Im Gespräch zwischen Großmutter und Enkel füllen sich nun alle Leerstellen.
Im Verlauf des Buches gibt es viel Unausgesprochenes, vieles bleibt offen. Manchmal fügt es sich im nächsten Abschnitt zusammen. Nick, der sich auch nie wirklich in sich selbst ruhend fühlte, findet wichtige Antworten für sich in den Gesprächen, sowohl mit seinem Vater, seinem Großvater väterlicherseits und seiner Großmutter.

Jede Generation hatte Entscheidungen für die jeweils nächste Generation getroffen, durchaus in bester Absicht, aber nicht in Übereinstimmung mit ihren Wünschen. Diese Entscheidungen und die fehlende Flexibilität, auch davon abzulassen, trug viel dazu bei, dass die Generationen sich entfremdeten. Erst Großmutter und Enkel, die sich gar nicht kennen, können unvoreingenommen aufeinander zugehen. Und sie tun das, was zwischen May und Lily oder zwischen Lily und Nick nie möglich war, sie reden endlich ehrlich miteinander.
Generationenkonflikte, die Frage nach Identität und kulturelle Assimilation sind aber nur einige Themen, die im Buch angesprochen werden. Genmanipulation, Geschwisterkonkurrenz, Erziehungsmethoden, das sind ganz unterschiedliche Komplexe, die eine größere oder mindere Rolle im Buch spielen.
Für mich war es ein sehr lesenswertes Buch, das ich gerne weiterempfehle.