Zwischen Genetik und Herkunft: Was macht uns wirklich aus?
Wissenschaft hat uns dahin gebracht, wo wir heute stehen. Wissenschaft hat Möglichkeiten geschaffen, Probleme gelöst, Krankheiten besiegt. Kurzum: Wissenschaft ist die Antriebskraft der Menschheit. Gleichzeitig bergen Möglichkeiten Verantwortung. Wenn Krankheiten ausgemerzt, Gendefekte neutralisiert und der Genpool manipuliert werden können, braucht es immer auch einen ethischen Rahmen. Gibt es Grenzen? Braucht es Grenzen? Wann verraten wir unsere Ideale, überschreiten Grenzen – unsere eigenen und die anderer? Was ist Fortschritt, was Übergriffigkeit? Rachel Khong hat mit Real Americans einen Roman über Idealismus, Antrieb und Grenzen geschrieben, der versucht, die komplexen Zusammenhänge einer globalisierten Welt in Worte zu fassen.
Rachel Khong erzählt die Geschichte einer Familie über drei Generationen und davon, wie sich die Erlebnisse und Entscheidungen einer Generation auf die nächste auswirken. Dabei spannt sie den Bogen von Chinas Kulturrevolution bis zur Coronapandemie und erzählt aus der Perspektive der Chinese American May und ihrer ABC-Tochter (American Born Chinese) Lily bis hin zum Enkelsohn Nick, der wiederum halb chinesisch, halb amerikanisch ist. Khong beleuchtet auf der einen Ebene das kulturelle Erbe und wie May es trotz aller eigenen Erfahrungen an ihre Tochter weitergibt. Eine weitere Metaebene kreist um das genetische Erbe: May ist leidenschaftliche, ehrgeizige Biologin, beschäftigt sich mit DNA und Genetik und übersieht in ihrem Idealismus, die Welt verbessern zu wollen, dass es Entscheidungen gibt, die man nicht für andere treffen darf.
So kommt es letztlich zum Bruch mit Tochter Lily, die unter dem Erwartungsdruck ihrer Mutter leidet („Letzten Endes war ich nicht die Sorte Mensch, die sich danach sehnte, eine Landschaft zu gestalten. Ich wollte sie bloß betrachten.“, S. 27) und sich – auch aufgrund der Vergangenheit – vollständig zurückzieht, um ihren Sohn allein großzuziehen. Doch im Bemühen, Nick vor dieser Vergangenheit zu schützen, stürzt sie ihn in eine Identitätskrise. Erst als er sich der Geschichte seiner Großmutter und damit auch seiner Mutter stellt, scheint er das Muster durchbrechen zu können.
Real Americans – bereits der Titel ist Metapher. Für die feinen, fragilen Unterschiede zwischen Chinese Americans, also chinesischen Immigrant:innen, und American Born Chinese, ihren Kindern, die in die westliche Kultur hineingeboren werden, mit ihr aufwachsen, von ihr geprägt sind – und doch anders bleiben. Eine Generation später sind es deren Kinder, die je zur Hälfte chinesisch und amerikanisch sind. Manchen sieht man ihre chinesischen Wurzeln kaum oder gar nicht mehr an. Fast beiläufig wirft Khong die These in den Raum, dass jeder, der könnte, sich dafür entscheiden würde, weiß zu sein. Ist das also unser Ideal? Und warum eigentlich?
Auch hier eröffnet sich eine weitere Metaebene: Neben nationalen Prägungen entwirft Khong ein Porträt verschiedener Generationen und arbeitet den Konflikt zwischen Boomern, Millennials und Gen Z heraus. Wissenschaftlerin May, die in Amerika die vermisste Freiheit sucht, getrieben von dem Wunsch, etwas Bedeutsames zu erschaffen („Du bist hungrig auf mehr als das hier, … Ich wollte mehr erreichen, als für mich vorgesehen war, …“, S. 364/365). Lily, die sich fehl am Platz fühlt, nicht zugehörig, die glaubt, ihre Mutter enttäuscht zu haben, weil sie nicht ist wie sie. Die das Gefühl hat, nicht in Matthews Leben zu passen. Nick, der äußerlich all das verkörpert, wovon viele träumen – weiß, attraktiv, mit dem „richtigen“ Namen. Und der sich innerlich doch als Außenseiter empfindet, unschlüssig in seinen Zielen, versunken im Selbstmitleid – und letztlich nicht nur die verletzt, die ihm nahestehen, sondern vor allem sich selbst.
Insgesamt ist Real Americans ein Buch, das mich sehr bewegt hat. Vor dem Hintergrund aktueller globaler Entwicklungen fand ich besonders die Einblicke in Chinas Kulturrevolution aufschlussreich. Aber auch die Perspektiven immigrantischer Lebensläufe und die Frage, wie Erfahrungen über Generationen hinweg nachhallen, wirken lange nach. Sprachlich gelingt es Khong, ihre Leser:innen sofort mitzunehmen und Nähe zu ihren Figuren herzustellen. Allerdings springt sie häufig zwischen Szenen, überbrückt größere Zeiträume abrupt und lässt einen dabei mitunter zurück. Zu gern wäre ich Lily und Matthew noch etwas länger gefolgt oder hätte mir zumindest am Ende gewünscht, dass dieser Handlungsfaden nicht ganz lose bleibt. Auch die Beziehung zwischen May und Lily erklärt sich nicht vollständig aus der Geschichte, die schließlich von der Großmutter an den Enkel weitergegeben wird. Aber vielleicht hätte eine ausführlichere Ausarbeitung hier auch den Rahmen gesprengt.
Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat dem Buch zudem eine wunderschöne Gestaltung verliehen: ein buttergelber Einband mit geprägtem Auster-Motiv (Achtung, Metapher), ein farblich passendes Lesebändchen und ein leuchtend türkisfarbener Schutzumschlag, der Motiv und Farbigkeit im Titel und im Vorsatzpapier wieder aufgreift.
Rachel Khong erzählt die Geschichte einer Familie über drei Generationen und davon, wie sich die Erlebnisse und Entscheidungen einer Generation auf die nächste auswirken. Dabei spannt sie den Bogen von Chinas Kulturrevolution bis zur Coronapandemie und erzählt aus der Perspektive der Chinese American May und ihrer ABC-Tochter (American Born Chinese) Lily bis hin zum Enkelsohn Nick, der wiederum halb chinesisch, halb amerikanisch ist. Khong beleuchtet auf der einen Ebene das kulturelle Erbe und wie May es trotz aller eigenen Erfahrungen an ihre Tochter weitergibt. Eine weitere Metaebene kreist um das genetische Erbe: May ist leidenschaftliche, ehrgeizige Biologin, beschäftigt sich mit DNA und Genetik und übersieht in ihrem Idealismus, die Welt verbessern zu wollen, dass es Entscheidungen gibt, die man nicht für andere treffen darf.
So kommt es letztlich zum Bruch mit Tochter Lily, die unter dem Erwartungsdruck ihrer Mutter leidet („Letzten Endes war ich nicht die Sorte Mensch, die sich danach sehnte, eine Landschaft zu gestalten. Ich wollte sie bloß betrachten.“, S. 27) und sich – auch aufgrund der Vergangenheit – vollständig zurückzieht, um ihren Sohn allein großzuziehen. Doch im Bemühen, Nick vor dieser Vergangenheit zu schützen, stürzt sie ihn in eine Identitätskrise. Erst als er sich der Geschichte seiner Großmutter und damit auch seiner Mutter stellt, scheint er das Muster durchbrechen zu können.
Real Americans – bereits der Titel ist Metapher. Für die feinen, fragilen Unterschiede zwischen Chinese Americans, also chinesischen Immigrant:innen, und American Born Chinese, ihren Kindern, die in die westliche Kultur hineingeboren werden, mit ihr aufwachsen, von ihr geprägt sind – und doch anders bleiben. Eine Generation später sind es deren Kinder, die je zur Hälfte chinesisch und amerikanisch sind. Manchen sieht man ihre chinesischen Wurzeln kaum oder gar nicht mehr an. Fast beiläufig wirft Khong die These in den Raum, dass jeder, der könnte, sich dafür entscheiden würde, weiß zu sein. Ist das also unser Ideal? Und warum eigentlich?
Auch hier eröffnet sich eine weitere Metaebene: Neben nationalen Prägungen entwirft Khong ein Porträt verschiedener Generationen und arbeitet den Konflikt zwischen Boomern, Millennials und Gen Z heraus. Wissenschaftlerin May, die in Amerika die vermisste Freiheit sucht, getrieben von dem Wunsch, etwas Bedeutsames zu erschaffen („Du bist hungrig auf mehr als das hier, … Ich wollte mehr erreichen, als für mich vorgesehen war, …“, S. 364/365). Lily, die sich fehl am Platz fühlt, nicht zugehörig, die glaubt, ihre Mutter enttäuscht zu haben, weil sie nicht ist wie sie. Die das Gefühl hat, nicht in Matthews Leben zu passen. Nick, der äußerlich all das verkörpert, wovon viele träumen – weiß, attraktiv, mit dem „richtigen“ Namen. Und der sich innerlich doch als Außenseiter empfindet, unschlüssig in seinen Zielen, versunken im Selbstmitleid – und letztlich nicht nur die verletzt, die ihm nahestehen, sondern vor allem sich selbst.
Insgesamt ist Real Americans ein Buch, das mich sehr bewegt hat. Vor dem Hintergrund aktueller globaler Entwicklungen fand ich besonders die Einblicke in Chinas Kulturrevolution aufschlussreich. Aber auch die Perspektiven immigrantischer Lebensläufe und die Frage, wie Erfahrungen über Generationen hinweg nachhallen, wirken lange nach. Sprachlich gelingt es Khong, ihre Leser:innen sofort mitzunehmen und Nähe zu ihren Figuren herzustellen. Allerdings springt sie häufig zwischen Szenen, überbrückt größere Zeiträume abrupt und lässt einen dabei mitunter zurück. Zu gern wäre ich Lily und Matthew noch etwas länger gefolgt oder hätte mir zumindest am Ende gewünscht, dass dieser Handlungsfaden nicht ganz lose bleibt. Auch die Beziehung zwischen May und Lily erklärt sich nicht vollständig aus der Geschichte, die schließlich von der Großmutter an den Enkel weitergegeben wird. Aber vielleicht hätte eine ausführlichere Ausarbeitung hier auch den Rahmen gesprengt.
Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat dem Buch zudem eine wunderschöne Gestaltung verliehen: ein buttergelber Einband mit geprägtem Auster-Motiv (Achtung, Metapher), ein farblich passendes Lesebändchen und ein leuchtend türkisfarbener Schutzumschlag, der Motiv und Farbigkeit im Titel und im Vorsatzpapier wieder aufgreift.