Zwischen Hoffnung und Erwartung: Was darf der Mensch?
Die bekannte Autorin Rachel Khong hat mit “Real Americans”, einem New York Times Bestseller, einen eindrücklichen Roman vorgelegt, der das Schicksal dreier Generationen, die Suche nach Zugehörigkeit und familiären Wurzeln sowie den Wunsch behandelt, durch das Eingreifen von Wissenschaft das Leben zu beeinflussen. Die geschlossene Auster am beeindruckend gestalteten Buchumschlag steht für die Möglichkeit, das Leben in die eigene Hand zu nehmen und sich für Neues zu öffnen.
Rachel Khong beschreibt drei Generationen einer chinesisch- amerikanischen Familie, ihre Suche nach kultureller Identität und persönlichem Sinn in einem Land, das zunehmend versucht, durch genetische Forschung und Selektion Einfluss auf den Verlauf und die Länge des Lebens zu nehmen. Die drei Teile des Buches spielen auf unterschiedlichen Zeitebenen und sind jeweils einer Hauptperson gewidmet: May, deren Leben im Rückblick vom Jahr 2030 ausgehend beschrieben wird, die aus China geflohen und in die USA eingewandert ist; Lily, ihre Tochter, deren Geschichte 1999 beginnt und die bereits in Amerika geboren ist und Nick, Lilys Sohn, der seine Identität erst mühsam suchen muss. Sein Schicksal wird ab dem Jahr 2021 erzählt.
May, ein Bauernmädchen, in China unter furchtbaren Bedingungen aufgewachsen, erreicht, dass sie an der Universität von Peking Biologie studieren kann. Als das Leben unter Mao unerträglich wird, gelingt ihr mit einem Freund die Flucht nach Amerika. Sie bemüht sich um das Erlernen der Sprache und Integration, als Forscherin sucht sie nach der Möglichkeit, Erbkrankheiten auszuschalten. Als sie eine Versuchsperson braucht, kommt Lily ins Spiel.
Lily hat das Gefühl, ihrer Mutter nicht genügen zu können und nicht geliebt zu werden, da sie sich für Forschung nicht interessiert. Aus einem unbefriedigenden Job flüchtet sie in die Ehe mit Matthew, reich und Erbe eines Pharmaunternehmens. Beide ahnen nicht, dass ihre Familien schon lange bekannt sind und dieselben Forschungsziele verfolgen. Erst nach der Geburt von Nick, der ein Ebenbild von Matthew ist, wird klar, welche Versuche dieser Ähnlichkeit zu Grunde liegen. Matthew muss nun zwischen seiner Familie und den Unternehmensinteressen wählen.
Nick, der mit seiner Mutter auf einer abgelegenen Insel aufwächst, ist introvertiert und stellt immer wieder die Frage nach seinem Vater. Lily gibt jedoch keine Antwort. Doch Nick forscht nach, die Arbeit auf einer Austernfarm verschafft ihm dazu die nötigen Mittel. Erst wenn er seine Wurzeln kennt, kann er sagen, wer er selbst ist.
“Real Americans” ist ein eindrücklicher Roman, der ernste Problemfelder aufzeigt. Die Kernfrage lautet: Was darf der Mensch? Die Lesenden werden immer wieder einbezogen, um zu diesem Thema Stellung zu beziehen. Was darf Forschung? Ist das Wissen um die Möglichkeiten der Gen- Manipulation Segen oder Fluch? Was ist moralisch vertretbar? Darf man darauf hoffen, die eigenen Wurzeln zu finden und dadurch sich selbst zu definieren, Teil einer Familie zu werden, Heimat in einem fremden Land zu finden? Ist der Sinn des Lebens darin zu suchen, die Welt besser zu machen oder zu lieben?
Rachel Khong hat in ihrem Roman mehrere Genres verbunden. Es ist ein Familienroman ebenso wie ein Entwicklungsroman, eine Liebesgeschichte und ein Wissenschafts- Thriller. Sie weist kritisch auf Missstände und Vorurteile gegenüber Zugewanderten hin, ebenso auf den Wunsch dieser Gruppe, als typische Amerikaner wahrgenommen zu werden. Der Roman bietet die gekonnte Beschreibung ausgeprägter Charaktere, ist empfindsam und zugleich spektakulär, in großen Linien werden gesellschaftliche Vorgänge und Einstellungen beleuchtet. Trotz dieser schwierigen Thematik ist das Buch angenehm und flüssig zu lesen. Nicht alle wesentlichen Fragen werden beantwortet, so bleibt offen, wieso alle drei Generationen eint, dass für sie die Zeit plötzlich stehen bleibt und sich dehnt. Durch diese gekonnte Mischung von Fakten und Fiktion ist hier bemerkenswerte Literatur entstanden, die man gelesen haben sollte.
Mein Fazit:
“Real Americans” ist zu Recht ein New York Times Bestseller, der auch im deutschsprachigen Raum großen Widerhall verdient. Neben spannenden und aktuellen Themen werden anhand der Lebensgeschichten der Protagonisten grundlegende Probleme angesprochen, die die Aufmerksamkeit der Lesenden finden sollten, da sich eine fundierte Auseinandersetzung lohnt.