Eine Geschichte über Nähe, Abhängigkeit und das Loslassen
Belfast in den 1980er-Jahren: Róisín ist belesen, klug, arm und schlagfertig. Sie wächst in einer Zeit auf, in der Irland von Armut, Politik und tiefen Glaubenskonflikten geprägt ist. Gleichzeitig entdeckt sie die feministische Literatur für sich – Bücher werden für sie zu einem Ort, an dem sie über das eigene Leben, über Freiheit und über die Möglichkeiten eines anderen Lebens nachdenken kann.
Dann ist da Red.
Red ist der Mädchenschwarm: lässig, geheimnisvoll und gutaussehend. Gleichzeitig umgibt ihn etwas Dunkles. Sein Vater ist wohlhabend und grausam, und auch Red selbst trägt eine Schwermut in sich, die immer stärker zum Mittelpunkt ihrer Beziehung wird. Was genau zwischen Róisín und Red entsteht, lässt sich lange nicht eindeutig benennen. Ist es Freundschaft? Nähe? Verlangen? Vielleicht von allem etwas – und gerade diese Unbestimmtheit macht ihre Verbindung so eindringlich.
„Manchmal fühlte sie sich in seiner Gesellschaft so wohl, dass sie sich selbst vergaß, furzte, laut vor sich hin brummelte, und wenn sie sich seiner Anwesenheit bewusst wurde, war sie vollkommen erstaunt , ihn zu sehen .“ (Zitat S.60)
Louise Kennedy erzählt die Geschichte chronologisch und begleitet Róisín bis ins Jahr 2007. Dabei entsteht weniger eine klassische Handlung als eine tief ausgearbeitete Charakterstudie. Róisíns Entwicklung, ihre Entscheidungen und ihre innere Zerrissenheit stehen im Mittelpunkt. Besonders beeindruckend fand ich, wie glaubwürdig sie gezeichnet ist: klug und reflektiert, aber keineswegs frei von Widersprüchen und Fehlern.
Die Atmosphäre des Romans ist schäbig, düster und bedrückend – und gerade deshalb unglaublich wahrhaftig. Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, selbst vor Ort zu sein: in Belfast, in diesen Straßen, Häusern und Räumen, zwischen Armut, politischer Spannung und religiösen Konflikten. Besonders die Szene um das besetzte Haus in London auf Seite 108 ist mir dabei im Gedächtnis geblieben.
„Manchmal ließ er sie allein in dem besetzten Haus, angeblich, um Besorgungen zu machen, doch oft kam er mit leeren Händen zurück.Ohne ihn fühlte sich das Haus heruntergekommen an und eisig kalt. Eine Kälte, von der einem ständig die Nase lief, bei der man beim Pinkeln glaubte, kochend heißes Wasser zu lassen. Eine Kälte, die einen zuerst hellwach machte und dann, weil sie nicht weichen wollte, das Einzige war, woran man denken konnte.“
Auffällig ist, dass Kennedy auf wörtliche Rede verzichtet. Das verlangt beim Lesen Aufmerksamkeit, gibt dem Roman aber zugleich eine ganz eigene Intensität. Die Dialoge, die tatsächlich geführt werden, sind dafür umso stärker und glaubwürdiger. Man spürt in ihnen die Figuren, ihre unausgesprochenen Gedanken und das, was zwischen den Worten liegt.
Am meisten beschäftigt hat mich Róisíns Verhältnis zu Red. Sie möchte ihm helfen, möchte ihn auffangen und vor sich selbst schützen. Gleichzeitig muss sie aufpassen, nicht gemeinsam mit ihm in diesen Abgrund gezogen zu werden. Reds Schwermut, sein Alkohol- und Drogenkonsum ziehen Róisín zunehmend wie ein Strudel mit sich. Und immer wieder scheint es ihre Aufgabe zu sein, ihn – und letztlich auch sich selbst – aufzufangen und abzufedern.
Gerade darin liegt für mich die große Stärke des Romans: Róisín ist nicht einfach diejenige, die Red rettet. Sie muss lernen, wo ihre Verantwortung endet und wo sie beginnt, sich selbst zu verlieren. Die Beziehung zwischen den beiden bleibt dabei schmerzhaft ambivalent – zwischen Freundschaft, Nähe, Begehren, Loyalität und dem Bedürfnis, den anderen nicht aufzugeben.
„Red“ ist für mich deshalb nicht nur ein Roman über eine besondere Freundschaft oder eine komplizierte Liebe. Es ist auch ein Roman über das Aufwachsen in einer von Konflikten geprägten Gesellschaft, über soziale Herkunft, weibliche Selbstbestimmung und die Frage, wie viel Verantwortung wir für einen Menschen übernehmen können, den wir lieben.
Ein düsterer, intensiver und unglaublich wahrhaftiger Roman, der hervorragend in die kalte Jahreszeit passt!
Dann ist da Red.
Red ist der Mädchenschwarm: lässig, geheimnisvoll und gutaussehend. Gleichzeitig umgibt ihn etwas Dunkles. Sein Vater ist wohlhabend und grausam, und auch Red selbst trägt eine Schwermut in sich, die immer stärker zum Mittelpunkt ihrer Beziehung wird. Was genau zwischen Róisín und Red entsteht, lässt sich lange nicht eindeutig benennen. Ist es Freundschaft? Nähe? Verlangen? Vielleicht von allem etwas – und gerade diese Unbestimmtheit macht ihre Verbindung so eindringlich.
„Manchmal fühlte sie sich in seiner Gesellschaft so wohl, dass sie sich selbst vergaß, furzte, laut vor sich hin brummelte, und wenn sie sich seiner Anwesenheit bewusst wurde, war sie vollkommen erstaunt , ihn zu sehen .“ (Zitat S.60)
Louise Kennedy erzählt die Geschichte chronologisch und begleitet Róisín bis ins Jahr 2007. Dabei entsteht weniger eine klassische Handlung als eine tief ausgearbeitete Charakterstudie. Róisíns Entwicklung, ihre Entscheidungen und ihre innere Zerrissenheit stehen im Mittelpunkt. Besonders beeindruckend fand ich, wie glaubwürdig sie gezeichnet ist: klug und reflektiert, aber keineswegs frei von Widersprüchen und Fehlern.
Die Atmosphäre des Romans ist schäbig, düster und bedrückend – und gerade deshalb unglaublich wahrhaftig. Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, selbst vor Ort zu sein: in Belfast, in diesen Straßen, Häusern und Räumen, zwischen Armut, politischer Spannung und religiösen Konflikten. Besonders die Szene um das besetzte Haus in London auf Seite 108 ist mir dabei im Gedächtnis geblieben.
„Manchmal ließ er sie allein in dem besetzten Haus, angeblich, um Besorgungen zu machen, doch oft kam er mit leeren Händen zurück.Ohne ihn fühlte sich das Haus heruntergekommen an und eisig kalt. Eine Kälte, von der einem ständig die Nase lief, bei der man beim Pinkeln glaubte, kochend heißes Wasser zu lassen. Eine Kälte, die einen zuerst hellwach machte und dann, weil sie nicht weichen wollte, das Einzige war, woran man denken konnte.“
Auffällig ist, dass Kennedy auf wörtliche Rede verzichtet. Das verlangt beim Lesen Aufmerksamkeit, gibt dem Roman aber zugleich eine ganz eigene Intensität. Die Dialoge, die tatsächlich geführt werden, sind dafür umso stärker und glaubwürdiger. Man spürt in ihnen die Figuren, ihre unausgesprochenen Gedanken und das, was zwischen den Worten liegt.
Am meisten beschäftigt hat mich Róisíns Verhältnis zu Red. Sie möchte ihm helfen, möchte ihn auffangen und vor sich selbst schützen. Gleichzeitig muss sie aufpassen, nicht gemeinsam mit ihm in diesen Abgrund gezogen zu werden. Reds Schwermut, sein Alkohol- und Drogenkonsum ziehen Róisín zunehmend wie ein Strudel mit sich. Und immer wieder scheint es ihre Aufgabe zu sein, ihn – und letztlich auch sich selbst – aufzufangen und abzufedern.
Gerade darin liegt für mich die große Stärke des Romans: Róisín ist nicht einfach diejenige, die Red rettet. Sie muss lernen, wo ihre Verantwortung endet und wo sie beginnt, sich selbst zu verlieren. Die Beziehung zwischen den beiden bleibt dabei schmerzhaft ambivalent – zwischen Freundschaft, Nähe, Begehren, Loyalität und dem Bedürfnis, den anderen nicht aufzugeben.
„Red“ ist für mich deshalb nicht nur ein Roman über eine besondere Freundschaft oder eine komplizierte Liebe. Es ist auch ein Roman über das Aufwachsen in einer von Konflikten geprägten Gesellschaft, über soziale Herkunft, weibliche Selbstbestimmung und die Frage, wie viel Verantwortung wir für einen Menschen übernehmen können, den wir lieben.
Ein düsterer, intensiver und unglaublich wahrhaftiger Roman, der hervorragend in die kalte Jahreszeit passt!