Red

Filmreif

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gkw Avatar

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Ganz selten einmal kommt es vor, dass ich ein Buch schon beim Lesen gut finde, und es dann nach Abschluss, wenn ich daran denke, mit jedem Tag immer noch besser und besser finde. „Red“ gehört für mich dazu.
Das Buch beginnt im Oktober 1982 und führt bis zum Juli 2007. Die Erzählung ist chronologisch, die Kapitel beginnen mit zeitlicher Zuordnung, aber teilweise gibt es große Zeitsprünge dazwischen. Was in diesen Lücken passiert ist, kann man manchmal erschließen, manchmal nicht, dann muss man es mit eigenen Interpretationen füllen.
Róisín steht im Mittelpunkt der Geschichte, aber die Atmosphäre der 80er Jahre in Irland und England läuft permanent mit. Arbeitslosigkeit, Armut, religiöse Konflikte, politische Spannungen, Scheidungsverbot, Drogen, Aids, Gewalt. Viele junge Iren gingen in der Zeit nach England, insbesondere in den Sehnsuchtsort London. Da fanden sie zwar die Freiheit aber das Paradies dann doch nicht, sondern im besten Fall prekäre Jobs, die gerade so zum Überleben reichten. Und damit lässt sich dann auch nicht viel Freiheit realisieren.
Red und Róisín sind beide „versehrt“, jeder auf seine Weise. Róisín leidet unter ihrer Außenseiterrolle, hat Schwierigkeiten im Verhältnis zu ihrem Vater und seiner neuen Familie, weiß nicht wohin mit ihrer Wut und ihrem Lebenshunger und ihren Gefühlen für Red.
Red trägt schwer an einem familiären Geheimnis. Beide sind intelligent, belesen und kunstinteressiert. Sie spüren eine große Nähe zueinander, dennoch kann Róisín Red nicht vor dem Abgrund bewahren. Und nicht nur Nähe, auch die Liebe ist auf beiden Seiten da. Róisín spürt sie nicht so, wie sie es wünscht, aber Reds Liebe zu ihr sorgt dafür, dass er sie vor dem Abgrund bewahrt, denn sie wäre wahrscheinlich bereit gewesen, ihn zu begleiten.
Róisín als Charakter ist sehr tief und glaubwürdig ausgearbeitet: ihre Zerrissenheit, ihre Träume, ihre Widersprüchlichkeit. Und passend dazu auch ihre teilweise derbe Ausdrucksweise. Louise Kennedy schreibt sehr präzise, da kann es zart, aber auch drastisch werden.
Das Buch ist ein Coming-of-Age-Roman und handelt von Freundschaft und Liebe, von Verantwortung und vom Loslassen. Zeitgeist, Kultur und Politik schwingen im Hintergrund mit. Es ist keine leichte Kost, es gibt viel Elend, Drogen, Abrutschen, Missbrauch und Gewalt, aber es lohnt sich.
Ich kann mir den Roman auch sehr gut verfilmt als Serie vorstellen.