Louise Kennedys zweiter Streich
Ein in der Schule überbrachter Trennungsbrief wird zum Anfang der Beziehung von Róisín zu Redmond „Red“ Camelin, die Louise Kennedy in ihrem neuen Roman erkundet. Es ist ein Beziehung, die die beiden viele Jahre und über ihre Heimat Irland hinaus begleiten soll…
Schon einmal erwies sich Louise Kennedy als Spezialistin für vertrackte Beziehungen. In ihrem Debüt Übertretung schilderte sie eine Affäre zur Zeit der Troubles, die die beiden Beteiligten in große Gefahr und Loyalitätskonflikte brachte. Auch ihre Kurzgeschichten, die abermals der Göttinger Steidl-Verlag unter dem schönen Titel Das Ende der Welt ist eine Sackgasse veröffentlichte, umkreisten komplizierte Beziehungen vor tristem Hintergrund.
Nun erscheint mit Red ein Roman, der das Thema der komplizierten Beziehung fortführt und ausbaut. Auch die Veröffentlichung des Romans selbst ist eine solche vertrackte Angelegenheit. Denn anstelle des Steidl-Verlags ist es nun mit Claassen ein Imprint des Ullstein-Verlags, bei dem Red in der Übersetzung des bewährten Duos Hans-Christian Oeser und Claudia Glenewinkel erscheint.
Die zwischenzeitliche Insolvenz des Steidl-Verlags dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben, dass das Buch nun in einem neuen Haus erscheint. Die fortgesetzte Publikation Louise Kennedys hierzulande ist auf alle Fälle ein Glücksfall, denn Red zeigt Kennedys literarische Qualitäten, was ihren Sinn für Tristesse, für Bindung und emotionale Tiefe anbelangt.
Red und Róisín – eine komplizierte Freundschaft
Schon die Welt ihrer Figuren ist da Ausdruck jener Hoffnungslosigkeit, die sich Irland in weiten Teilen der 1980er Jahre bemächtigt hat. Róisín lebt zusammen mit ihrer alleinerziehenden Mutter Una in einem kleinen Haus in einem kleinen irischen Städtchen, das nicht gerade durch Attraktivität oder ein gutes Freizeitangebot besticht.
Sie hatten den Platz erreicht, der eigentlich nur der breiteste Teil der Hauptstraße war und Parkplätze für einige wenige Autos bot. Sie fremdelte mit dieser Stadt an der Fernstraße zwischen Dublin und Cork, mit ihrem Verkehr aus scheißendem Vieh, scheppernden Bussen und schweren Sattelschleppern. Die Läden entstammten einem anderen Jahrhundert. Eine Lederwerkstatt, handgenähte Taschen und Gürtel, säuberlich ausgelegt unter Zaumzeug und Sätteln, ein Textilgeschäft, im Fenster altmodische Klamotten, an eine Hartfaserplatte gepinnt und durch zerknitterte gelbe Folie vor dem Ausbleichen geschützt.
Louise Kennedy – Red, S. 15
Der Vater, ein katholischer Polizist in der überwiegend protestantisch geprägten Royal Ulster Constabulary (was Assoziationen zu Adrian McKintys Krimireihe um den katholischen Bullen Sean Duffy weckt), hat die Familie schon vor einiger Zeit verlassen. So wohnen jetzt Tochter und Mutter mit höchst unterschiedlichen Tagesrhythmen gemeinsam unter einem Dach und schlagen sich durchs Leben.
In der Schule ist Róisín eine Außenseiterin, die erst durch die Freundschaft mit Redmond „Red“ Camelin aus ihrer sozialen Isolation geholt wird. Für eine Mitschülerin soll Róisín nämlich an jenen Red einen Zettel überstellen, in dem ihm die Mitschülerin das Ende ihrer „Beziehung“ mitteilt – was allerdings für Róisín der Auslöser ihrer eigenen Beziehung zu Red wird, die Louise Kennedy teilweise in großen zeitlichen Sprüngen ausgehend vom Oktober 1982 bis ins Jahr 2007 nachverfolgt.
Im London der Hausbesetzerszene
Dabei ist das Verhältnis – wie könnte es bei Louise Kennedy anders sein – ein durchaus ambivalentes und zeitweise recht schwieriges. Denn nach den Wirren der Schulzeit trifft Róisín wieder auf Red, als dieser in einem besetzten Haus im Londoner Stadtteil Pimlico wohnt. Hier spielt Kennedy ihr Talent für die genaue Zeichnung der Trostlosigkeit und ihrer vielen Schattierungen gekonnt aus.
Während sie mit den Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld Reds Beziehungen eingeht und die Londoner Jahre in großer Armut erlebt, sieht sie Freunde in die Drogensucht abrutschen, während auch noch das AIDS-Virus grassiert. Sie selbst geht Beziehungen mit anderen Männern an, lebt sich aus, sieht Menschen in ihrem engsten Umfeld an Alkohol oder Heroin sterben – und blickt doch auch immer auf Red, der immer irgendwo um sie ist.
A rake’s progress als Leitmotiv
Für sie wirkt jener Redmond Camelin fast wie eine Figur aus dem berühmten Bilderzyklus A rake’s progress von William Hogarth, mit dem sie Red in Kontakt bringt, als sie in einem konkurrenzbedingten Anflug von Bildungsbürgertum das Sir John Soane’s Museum in London besuchen. Dieser Bilderzyklus aus dem 18. Jahrhundert, der wie in einem Comicstrip über acht Bilder hinweg den Niedergang des reichen Erben Tom Rakewell zeichnet, wird so etwas wie die Folie für Reds eigenen Niedergang, dem man an der Seite von Róisín beiwohnt.
Im Soane’s Museum schloss sie sich einer Führung an. Als sie durch die Säle schritt, wurde ihr bewusst, dass ihre Erinnerungen an den Ort eher impressionistisch war, ein flirrendes Bild aus Pompejirot und Portland Stone. Andere Aspekte ihres Besuchs kehrten jedoch so scharf in ihr Gedächtnis zurück, dass es wie eine Heimsuchung wirkte. Der gebannte Ausdruck in Reds Gesicht, als er Octavia zuhörte, seine Enttäuschung darüber, dass Róisín nicht sag, was in A Rake’s Progress gesehen hatte. Sie wartete bis zwei Uhr, dann ging sie zum Bildersaal und zwängte sich hinein. Der Führer streifte sich weiße Handschuhe über , die Besucher drängten vor. Es war nur eine Geschichte, dachte sie, als er die Holzpaneele aufklappte, ein Leben in acht Bildern. Glück und Unglück, Liebe und Verlust, Verbrechen und Strafe, keine verschlüsselte Botschaft, die ins Dunkel lockte.
Louise Kennedy – Red, S. 358
Das kann man auch auf Red übertragen. Viele Emotionen, eine komplizierte und dafür umso tieferwurzelnde Bindung zwischen den beiden Hauptfiguren, dazu eine genaue Zeichnung der Milieus des ländlichen Irlands der frühen 1980er Jahre und des Londons der Hausbesetzerszene der späten 1980er Jahre, all das bietet Red auf und schildert eine Freundschaft, die Höhen und vor allem viel Tiefen mitmachen muss.
Irische Literatur von ihrer besten Seite, die Louise Kennedy hier präsentiert. Rau, manchmal düster, nicht ohne Hoffnung, präzise in der Schilderung der Milieus und voller Emotionen, das kennzeichnet den Roman, dessen Zugänglichmachung nun unter einem neuen Dach wirklich ein Glücksfall ist!
Schon einmal erwies sich Louise Kennedy als Spezialistin für vertrackte Beziehungen. In ihrem Debüt Übertretung schilderte sie eine Affäre zur Zeit der Troubles, die die beiden Beteiligten in große Gefahr und Loyalitätskonflikte brachte. Auch ihre Kurzgeschichten, die abermals der Göttinger Steidl-Verlag unter dem schönen Titel Das Ende der Welt ist eine Sackgasse veröffentlichte, umkreisten komplizierte Beziehungen vor tristem Hintergrund.
Nun erscheint mit Red ein Roman, der das Thema der komplizierten Beziehung fortführt und ausbaut. Auch die Veröffentlichung des Romans selbst ist eine solche vertrackte Angelegenheit. Denn anstelle des Steidl-Verlags ist es nun mit Claassen ein Imprint des Ullstein-Verlags, bei dem Red in der Übersetzung des bewährten Duos Hans-Christian Oeser und Claudia Glenewinkel erscheint.
Die zwischenzeitliche Insolvenz des Steidl-Verlags dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben, dass das Buch nun in einem neuen Haus erscheint. Die fortgesetzte Publikation Louise Kennedys hierzulande ist auf alle Fälle ein Glücksfall, denn Red zeigt Kennedys literarische Qualitäten, was ihren Sinn für Tristesse, für Bindung und emotionale Tiefe anbelangt.
Red und Róisín – eine komplizierte Freundschaft
Schon die Welt ihrer Figuren ist da Ausdruck jener Hoffnungslosigkeit, die sich Irland in weiten Teilen der 1980er Jahre bemächtigt hat. Róisín lebt zusammen mit ihrer alleinerziehenden Mutter Una in einem kleinen Haus in einem kleinen irischen Städtchen, das nicht gerade durch Attraktivität oder ein gutes Freizeitangebot besticht.
Sie hatten den Platz erreicht, der eigentlich nur der breiteste Teil der Hauptstraße war und Parkplätze für einige wenige Autos bot. Sie fremdelte mit dieser Stadt an der Fernstraße zwischen Dublin und Cork, mit ihrem Verkehr aus scheißendem Vieh, scheppernden Bussen und schweren Sattelschleppern. Die Läden entstammten einem anderen Jahrhundert. Eine Lederwerkstatt, handgenähte Taschen und Gürtel, säuberlich ausgelegt unter Zaumzeug und Sätteln, ein Textilgeschäft, im Fenster altmodische Klamotten, an eine Hartfaserplatte gepinnt und durch zerknitterte gelbe Folie vor dem Ausbleichen geschützt.
Louise Kennedy – Red, S. 15
Der Vater, ein katholischer Polizist in der überwiegend protestantisch geprägten Royal Ulster Constabulary (was Assoziationen zu Adrian McKintys Krimireihe um den katholischen Bullen Sean Duffy weckt), hat die Familie schon vor einiger Zeit verlassen. So wohnen jetzt Tochter und Mutter mit höchst unterschiedlichen Tagesrhythmen gemeinsam unter einem Dach und schlagen sich durchs Leben.
In der Schule ist Róisín eine Außenseiterin, die erst durch die Freundschaft mit Redmond „Red“ Camelin aus ihrer sozialen Isolation geholt wird. Für eine Mitschülerin soll Róisín nämlich an jenen Red einen Zettel überstellen, in dem ihm die Mitschülerin das Ende ihrer „Beziehung“ mitteilt – was allerdings für Róisín der Auslöser ihrer eigenen Beziehung zu Red wird, die Louise Kennedy teilweise in großen zeitlichen Sprüngen ausgehend vom Oktober 1982 bis ins Jahr 2007 nachverfolgt.
Im London der Hausbesetzerszene
Dabei ist das Verhältnis – wie könnte es bei Louise Kennedy anders sein – ein durchaus ambivalentes und zeitweise recht schwieriges. Denn nach den Wirren der Schulzeit trifft Róisín wieder auf Red, als dieser in einem besetzten Haus im Londoner Stadtteil Pimlico wohnt. Hier spielt Kennedy ihr Talent für die genaue Zeichnung der Trostlosigkeit und ihrer vielen Schattierungen gekonnt aus.
Während sie mit den Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld Reds Beziehungen eingeht und die Londoner Jahre in großer Armut erlebt, sieht sie Freunde in die Drogensucht abrutschen, während auch noch das AIDS-Virus grassiert. Sie selbst geht Beziehungen mit anderen Männern an, lebt sich aus, sieht Menschen in ihrem engsten Umfeld an Alkohol oder Heroin sterben – und blickt doch auch immer auf Red, der immer irgendwo um sie ist.
A rake’s progress als Leitmotiv
Für sie wirkt jener Redmond Camelin fast wie eine Figur aus dem berühmten Bilderzyklus A rake’s progress von William Hogarth, mit dem sie Red in Kontakt bringt, als sie in einem konkurrenzbedingten Anflug von Bildungsbürgertum das Sir John Soane’s Museum in London besuchen. Dieser Bilderzyklus aus dem 18. Jahrhundert, der wie in einem Comicstrip über acht Bilder hinweg den Niedergang des reichen Erben Tom Rakewell zeichnet, wird so etwas wie die Folie für Reds eigenen Niedergang, dem man an der Seite von Róisín beiwohnt.
Im Soane’s Museum schloss sie sich einer Führung an. Als sie durch die Säle schritt, wurde ihr bewusst, dass ihre Erinnerungen an den Ort eher impressionistisch war, ein flirrendes Bild aus Pompejirot und Portland Stone. Andere Aspekte ihres Besuchs kehrten jedoch so scharf in ihr Gedächtnis zurück, dass es wie eine Heimsuchung wirkte. Der gebannte Ausdruck in Reds Gesicht, als er Octavia zuhörte, seine Enttäuschung darüber, dass Róisín nicht sag, was in A Rake’s Progress gesehen hatte. Sie wartete bis zwei Uhr, dann ging sie zum Bildersaal und zwängte sich hinein. Der Führer streifte sich weiße Handschuhe über , die Besucher drängten vor. Es war nur eine Geschichte, dachte sie, als er die Holzpaneele aufklappte, ein Leben in acht Bildern. Glück und Unglück, Liebe und Verlust, Verbrechen und Strafe, keine verschlüsselte Botschaft, die ins Dunkel lockte.
Louise Kennedy – Red, S. 358
Das kann man auch auf Red übertragen. Viele Emotionen, eine komplizierte und dafür umso tieferwurzelnde Bindung zwischen den beiden Hauptfiguren, dazu eine genaue Zeichnung der Milieus des ländlichen Irlands der frühen 1980er Jahre und des Londons der Hausbesetzerszene der späten 1980er Jahre, all das bietet Red auf und schildert eine Freundschaft, die Höhen und vor allem viel Tiefen mitmachen muss.
Irische Literatur von ihrer besten Seite, die Louise Kennedy hier präsentiert. Rau, manchmal düster, nicht ohne Hoffnung, präzise in der Schilderung der Milieus und voller Emotionen, das kennzeichnet den Roman, dessen Zugänglichmachung nun unter einem neuen Dach wirklich ein Glücksfall ist!