Von Freundschaft, Verlust und dem Festhalten aneinander
Manche Menschen treten früh in unser Leben und bleiben darin, auch wenn sie längst nicht mehr wirklich dazugehören. Weil man so viel miteinander verbindet und glaubt, den anderen besser zu verstehen als alle anderen. Oder weil man einfach nicht aufhören kann, auf etwas zu hoffen.
Um eine solche Verbindung geht es in "Red", dem neuen Roman von Louise Kennedy, deren Debüt "Übertretung" mir sehr gut gefallen hat.
Róisín und Red lernen sich 1982 in einer irischen Kleinstadt kennen. Beide sind Außenseiter, beide verbindet die Liebe zu Büchern und ein gewisser Witz, mit dem sie auf die Welt schauen. Zunächst überbringt Róisín Briefe zwischen Red und seiner Freundin Tina. Doch bald entsteht zwischen den beiden eine eigene Nähe. Als Red Irland verlässt und nach London geht, verlieren sie sich nicht einfach aus den Augen. Ihre Wege kreuzen sich über Jahre hinweg, und Róisín bleibt ein Mensch, der Red nicht wirklich loslassen kann.
Kennedy erzählt diese Geschichte über rund 25 Jahre. Dabei interessiert sie sich weniger für eine klassische Liebesgeschichte als für die Frage, was Menschen aneinander bindet – und wann diese Bindung beginnt, ihnen nicht mehr gutzutun.
Denn Red ist kein Mensch, bei dem Nähe einfach wäre. Seine familiäre Vergangenheit, seine Geheimnisse und seine Drogenprobleme machen es schwer, zu ihm durchzudringen. Róisín wiederum hält an ihm fest, selbst wenn sie dafür einen hohen Preis bezahlt. Manchmal möchte man ihr zurufen, endlich einen Schritt zurückzutreten. Gleichzeitig lässt sich nachvollziehen, warum sie es nicht schafft.
"Red" ist für mich deshalb vor allem ein Roman über das Festhalten: an Menschen, an Erinnerungen und an der Vorstellung, dass eine Verbindung, die einmal etwas Besonderes war, es irgendwann wieder sein könnte. Dabei stellt Kennedy keine einfachen Fragen nach richtig oder falsch. Sie zeigt vielmehr, wie schwer es sein kann, zwischen Loyalität und Selbstaufgabe zu unterscheiden.
Was mir an Kennedys Schreiben gefällt, ist, dass sie ihre Figuren nicht vorschnell erklärt oder beurteilt. Sie macht Red nicht einfach zum tragischen, missverstandenen Mann und Róisín nicht zur Frau, die ihn nur retten müsste. Beide bleiben widersprüchlich. Ihre Entscheidungen sind nicht immer nachvollziehbar, und nicht alles, was zwischen ihnen passiert, lässt sich eindeutig einordnen. Gerade dadurch wirken sie lebendig.
Auch die Erzählstruktur trägt dazu bei. Kennedy springt zwischen verschiedenen Lebensabschnitten und lässt Lücken, die man als Leserin selbst füllen muss. Nicht jede Begegnung wird erzählt, nicht jede Veränderung ausführlich erklärt. Manchmal merkt man erst im Rückblick, wie viel Zeit vergangen ist und wie sehr sich die Figuren verändert haben. Das passt zu einer Beziehung, die immer wieder unterbrochen wird und dennoch nie ganz endet.
Wie schon in "Übertretung" ist auch das Private bei Kennedy eng mit den gesellschaftlichen Verhältnissen verbunden. Die Nachwirkungen des Nordirlandkonflikts, familiäre Erwartungen und die Erfahrung, als Irin in England zu leben, prägen die Möglichkeiten der Figuren. Sie bestimmen nicht alles, aber sie bilden den Hintergrund, vor dem Róisín und Red versuchen, ihren Platz in der Welt zu finden.
"Red" ist für mich deshalb vor allem ein Roman über das Festhalten: an Menschen, an Erinnerungen und an der Vorstellung, dass eine Verbindung, die einmal etwas Besonderes war, es irgendwann wieder sein könnte.
Louise Kennedy bestätigt mit Red, was mir schon an "Übertretung"gefallen hat: ihr Gespür für Figuren, deren persönliche Geschichten weit über sie selbst hinausweisen. Die Beziehung zwischen Róisín und Red ist nicht immer leicht auszuhalten. Und vielleicht liegt gerade darin die Stärke des Romans: Er macht verständlich, warum Menschen aneinander festhalten, ohne so zu tun, als wäre dieses Festhalten immer eine gute Idee.
Nicht jede Verbindung muss ein Leben lang halten. Aber manche prägen uns so früh und so tief, dass sie selbst dann noch da sind, wenn wir längst versucht haben, weiterzugehen.