REM

Leider hat mich das Ende enttäuscht

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nancy0705 Avatar

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"REM" erzählt die Geschichte von Alysee, die seit ihrer Kindheit von einem einzigen Satz verfolgt wird, den ihr Vater kurz vor seinem Tod zu ihr sagte: „Du darfst nicht einschlafen.“
Doch die vierjährige Alysee schlief trotzdem ein. Als sie wieder erwachte, war ihr Vater auf grausame Weise ermordet worden. Seitdem lebt sie mit Schuldgefühlen und einer panischen Angst vor dem Schlafen. Gemeinsam mit ihrem Pflegebruder Nico wächst sie bei einer Pflegefamilie auf, doch die Vergangenheit lässt sie nie los.
Jahre später erhält sie durch eine Anwältin ein Erbe ihres Vaters und damit endlich die Chance, Antworten zu finden. Die Spur führt sie und Nico in ein verlassenes, heruntergekommenes Hotel, in dem Albträume plötzlich erschreckend real werden und Alysee Wahrheiten entdeckt, die sie vielleicht lieber nie erfahren hätte.

Die Idee hinter dem Buch hat mich sofort angesprochen. Träume, Schlaf, das Unterbewusstsein, das sind Themen, die ich unglaublich spannend finde. Gerade weil die Forschung darüber bis heute noch so viele Fragen offenlässt. Unser Unterbewusstsein ist etwas Faszinierendes und gleichzeitig Unheimliches, weil niemand genau weiß, was dort eigentlich alles verborgen liegt.
Genau deshalb hatte die Geschichte für mich enormes Potenzial. Und ehrlich gesagt: Der Einstieg hatte mich auch komplett gepackt.

Schon auf den ersten Seiten war ich mitten drin.
Der Schreibstil war unglaublich mitreißend, düster, beklemmend und genau so, wie ich mir einen Horror-Thriller wünsche. Besonders die kurzen Kapitel haben dafür gesorgt, dass das Buch für mich ein absoluter Pageturner war. Ich wollte ständig weiterlesen und wissen, was als Nächstes passiert. Dieses Gefühl von „nur noch ein Kapitel“ hatte ich wirklich permanent.
Die Atmosphäre war bedrückend und teilweise richtig unangenehm - im positiven Sinne. Dieses alte Hotel, die Albträume, die Unsicherheit darüber, was real ist und was nicht, haben eine richtig intensive Stimmung erzeugt. Manche Szenen waren wirklich makaber, brutal und blutig beschrieben und haben genau den Nerv getroffen, den ein Horrorroman treffen sollte.

Vor allem mochte ich dieses vermeintliche Spiel mit der Psyche. Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, dass hinter allem eine psychologische Erklärung steckt. Ich war unglaublich gespannt darauf, wie am Ende alles zusammengeführt wird. Ich liebe Thriller, bei denen man am Ende plötzlich versteht, warum bestimmte Dinge passiert sind, bei denen kleine Hinweise rückblickend Sinn ergeben und man diese typischen „Aha-Momente“ erlebt. Genau darauf habe ich hier gehofft. Dass die Albträume vielleicht Ausdruck eines verdrängten Traumas sind. Dass das Unterbewusstsein Alysee etwas mitteilen will. Dass all diese grausamen Bilder letztlich irgendwie rational erklärbar sind.

! mögliche Spoiler !

Und genau da liegt leider mein großes Problem mit dem Buch.
Bis kurz vor Schluss war ich wirklich begeistert. Doch die Auflösung hat für mich leider fast alles kaputtgemacht. Denn anstatt die Geschichte psychologisch oder zumindest halbwegs nachvollziehbar aufzulösen, driftet das Ganze immer mehr in eine Mischung aus Horror und Science-Fiction ab. Die Ereignisse waren eben nicht sinnbildlich, nicht Ausdruck der Psyche oder eines traumatisierten Geistes - sie waren tatsächlich real und übernatürlich. Genau das hat mich extrem enttäuscht.

Rückblickend wirkte die Geschichte dadurch für mich plötzlich völlig überzogen und viel zu konstruiert. Fast schon absurd. Alles wurde immer größer, extremer und unrealistischer, bis ich irgendwann das Gefühl hatte, dass das Buch seine ursprüngliche Stärke komplett verloren hat.

Dadurch fehlten mir am Ende auch diese befriedigenden Thriller-Momente, bei denen plötzlich alles zusammenpasst. Stattdessen hatte ich eher das Gefühl, nach etwas gesucht zu haben, das gar nicht existiert. Ich habe die ganze Zeit versucht, Hinweise psychologisch zu deuten, obwohl die Geschichte letztlich einfach sagte: Nein, das Übernatürliche ist real. Und genau das hat mich enttäuscht zurückgelassen.

Spoiler Ende

Hinzu kommt leider, dass mich die Charaktere kaum berühren konnten. Alysee hatte zumindest noch etwas Tiefe durch ihre Vergangenheit, ihre Schuldgefühle und ihre Schlafangst. Aber alle anderen Figuren blieben für mich extrem blass. Viele waren einfach da, wurden teilweise brutal niedergemetzelt oder verschwanden wieder aus der Handlung, ohne dass ich irgendeine emotionale Bindung zu ihnen aufgebaut hätte. Mir fehlte bei fast allen Figuren eine richtige Persönlichkeit, eine Hintergrundgeschichte oder etwas, das sie greifbar gemacht hätte. Dadurch waren mir viele Schicksale letztlich ziemlich egal.

Trotz meiner Enttäuschung kann ich aber nicht sagen, dass das Buch schlecht geschrieben war - im Gegenteil. Atmosphärisch und stilistisch hat mich das Buch wirklich überzeugt. Der Schreibstil war packend, schnell, düster und unglaublich angenehm zu lesen. Die Spannung war fast durchgehend da und gerade die erste Hälfte fand ich wirklich richtig stark. Man merkt definitiv, dass hier mit Atmosphäre gearbeitet wird und dass die Autor*innen genau wissen, wie man Szenen inszeniert.

Umso trauriger finde ich es eigentlich, dass mich die Auflösung so verloren hat. Denn das Potenzial war riesig. Mit einer psychologischeren oder bodenständigeren Erklärung hätte das für mich ein richtig großartiger Thriller werden können. So bleibt für mich am Ende leider ein Buch, das mich erst vollkommen gefesselt und dann umso härter enttäuscht hat.