Eine Frage der Moral

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chocoball Avatar

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Ein scheinbar harmloses Wochenende in einer abgelegenen Waldhütte, eine ohnehin angespannte Freundesgruppe und schließlich ein Fremder, der mit einem grausamen Ultimatum alles kippen lässt. Der Einstieg war vielversprechend, die Situation beklemmend, und man spürt sofort, dass unter der Oberfläche mehr brodelt, als zunächst sichtbar ist...

Besonders gelungen fand ich die Ausgangslage. Die Beziehungen zwischen Felix, Ben und Laura wirken von Beginn an fragil, alte Konflikte und unausgesprochene Verletzungen schimmern immer wieder durch. Auch die Idee, die Figuren unter extremen moralischen Druck zu setzen, hat großes Potenzial. Ihre Reaktionen erscheinen dabei durchaus menschlich. Mit fortschreitender Handlung verlor der Roman für mich jedoch an Spannung. Der Mittelteil zieht sich stellenweise, ohne dass die Handlung wirklich vorankommt.

Auch der Zugang zu den Figuren selbst blieb für mich ambivalent. Trotz vieler Konflikte und dunkler Geheimnisse wirkten einige Charaktere eher überladen als wirklich vertieft, was es mir schwer gemacht hat, eine emotionale Bindung aufzubauen.

Das offene Ende ließ mich schließlich etwas unbefriedigt zurück. Statt eines nachhallenden Schocks blieb bei mir eher ein Gefühl der Unvollständigkeit.

Insgesamt ist mein Eindruck zwiegespalten: Das Buch überzeugt mit einem starken Einstieg, einer düsteren Grundstimmung und einer interessanten psychologischen Fragestellung, verliert sich jedoch im Verlauf in Längen und verschenkt Potenzial – insbesondere im Mittelteil und im offenen Schluss.