Ist okey

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hanninanni103 Avatar

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Ruf der Leere ist kein Buch, das man „nebenbei“ liest. Es verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf eine schwere, teilweise unbequeme Stimmung einzulassen. Alvarenga setzt weniger auf klassische Spannung oder Plot-Twists, sondern auf Atmosphäre, innere Abgründe und psychologische Zerrissenheit. Genau darin liegt die Stärke des Romans – aber auch seine größte Schwäche.
Im Zentrum der Geschichte steht weniger das äußere Geschehen als vielmehr das Innenleben der Figuren. Die Leere, die der Titel verspricht, ist nicht nur ein Motiv, sondern allgegenwärtig. Sie durchzieht Gedanken, Dialoge und ganze Kapitel. Alvarenga beschreibt diese innere Leere eindringlich und stellenweise sehr präzise. Besonders gelungen sind die Passagen, in denen Gedanken spiralförmig kreisen, sich wiederholen und kaum Auswege zulassen. Das wirkt authentisch und unangenehm realistisch.
Stilistisch ist der Roman nüchtern, teilweise kühl, fast distanziert. Die Sprache ist bewusst reduziert, manchmal hart, manchmal poetisch, aber nie gefällig. Das passt zur Thematik, führt jedoch auch dazu, dass man emotional nicht immer Zugang findet. Nähe zu den Figuren entsteht eher über Wiedererkennen als über Sympathie. Wer starke Identifikationsfiguren sucht, wird hier enttäuscht.
Inhaltlich stellt das Buch viele Fragen, gibt aber nur wenige klare Antworten. Themen wie Sinnverlust, innere Isolation, psychische Erschöpfung und das Gefühl, vom eigenen Leben abgekoppelt zu sein, stehen klar im Vordergrund. Das ist konsequent, aber nicht immer ausgewogen. Manche Gedanken werden mehrfach variiert, ohne wirklich neue Perspektiven zu eröffnen. Dadurch entstehen Längen, die den Lesefluss bremsen – besonders im Mittelteil.
Die Handlung selbst bleibt vergleichsweise zurückhaltend. Ereignisse sind vorhanden, aber sie wirken oft wie Auslöser für innere Prozesse, nicht als treibende Kraft der Geschichte. Das kann literarisch gewollt sein, verlangt aber Geduld. Wer eine klare Dramaturgie oder einen Spannungsbogen erwartet, wird das Buch als zäh empfinden. Ruf der Leere funktioniert mehr als Stimmungsroman denn als erzählerisches Werk im klassischen Sinn.
Positiv hervorzuheben ist, dass Alvarenga nicht versucht, die Leere zu romantisieren. Sie wird nicht verklärt, sondern als belastender, lähmender Zustand dargestellt. Das verleiht dem Roman Ernsthaftigkeit und Tiefe. Gleichzeitig fehlt stellenweise ein Kontrast, ein Gegengewicht, das dem Text Luft zum Atmen gibt. Die permanente Schwere kann ermüden und emotional abstumpfen, statt zu vertiefen.
Das Ende bleibt konsequent offen und fügt sich in das Gesamtbild. Es gibt keinen großen Knall, keine Auflösung, keinen klaren Hoffnungsschimmer. Das ist stimmig, wird aber nicht jede Leserin und jeden Leser zufriedenstellen. Wer einen Abschluss sucht, wird ihn hier nicht finden.
Insgesamt ist Ruf der Leere ein anspruchsvoller, thematisch starker Roman, der sich bewusst gegen gängige Lesegewohnheiten stellt. Er überzeugt durch Atmosphäre, psychologische Tiefe und sprachliche Klarheit, verliert aber durch Wiederholungen, Längen und eine sehr reduzierte Handlung an Wirkung. Es ist ein Buch für Leserinnen und Leser, die sich auf innere Prozesse einlassen wollen und keine Angst vor Unbehagen haben – aber kein Buch für alle.