Was bringt die Zukunft?

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Dieser hier wacht mit einem Surren auf, mit Blut an den Fingern und einem Kopf, der zu schwer ist für den Morgen danach. Kein pathetischer Auftakt, kein großes Ereignis, sondern ein Kater, ein Mückenstich, ein halber Mensch. Und genau deshalb sitzt man sofort drin. Weil dieses Erwachen so unangenehm ehrlich ist, so körperlich, so vertraut.

Was folgt, ist ein Abiball, der riecht wie Turnhalle, egal wie viel Goldserviette man drüberlegt. Hollywood in NRW, mit Mattenwagen-Aroma. Der Text hat ein brillantes Gespür für diese Zwischenräume: zwischen Feier und Flucht, zwischen Stolz und Fremdscham, zwischen dem Wunsch, gesehen zu werden, und der Hoffnung, nie wieder jemanden aus der Stufe treffen zu müssen. Der Vater – groß, schwer, liebevoll unbeholfen – ist eine Figur, die sofort bleibt. Ein Mann, der gefährlich aussieht und sanft ist. Einer, der nicht weiß, wie man sich richtig verhält, und es gerade dadurch richtig macht.

Besonders stark ist die Freundschaft zu Claire: leise, verschoben, fast schon vorweg trauernd. Zwei Menschen, die nebeneinander stehen und spüren, dass etwas kippt. Über ihnen das große W am Himmel, Kassiopeia, und darunter dieser Satz, der hängen bleibt wie ein Splitter: dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Der Roman nimmt diese Ahnung ernst, ohne sie zu erklären. Er lacht nicht darüber. Er lässt sie stehen.

Dann der Morgen danach, die Wohnung, der Döner als Erlösung, die Küche als Universum. Alles ist voll von Bedeutung: der Zettel mit den Abi-Punkten, der Arzttraum, der eigentlich ein geerbter Traum ist; die Mutter, die in Fotos und Sprüchen weiterlebt; der Vater, der Hoffnung hinter Bart und Elefantenhaut versteckt. Die Sprache ist klar, schnörkellos, und gerade dadurch voller Gefühl. Kein Wort zu viel, kein falscher Ton.

Das ist ein Romananfang über Abschied, ohne das Wort zu benutzen. Über das Ende der Schulzeit, über Erwartungen, über das leise Drängen der Zukunft. Und über das Gefühl, beobachtet zu werden – von Erinnerungen, von Toten, von sich selbst.
Würde gerne weiterlesen.