Absprungphase. Flugphase. Landephase.
„Die Flugbahn und die Flughöhe werden vom Absprung bestimmt und können danach nicht mehr verändert werden.“ Absprungphase.
Die Ausgangssituation ist rasch umrissen. Das Abitur ist geschafft. Für viele steht der Plan. Markos Wunsch, Medizin zu studieren, steht seit so langer Zeit fest, dass niemand mehr weiß, ob er es noch aus anderen Gründen als zum Andenken an seine verstorbene Mutter anstrebt. Die Ablehnung an sämtlichen Unis trifft ihn so oder so hart und es wird ein alternativer Plan erstellt. Mit maximaler Anstrengung wird Geld für einen Studienplatz in Ungarn beschafft. Das Motiv des Klassismus kommt hier zum ersten Mal zum Tragen. Für Medizinstudierende aus betuchtem Elternhaus sind die Gebühren kein Problem. Für Marko und seinen Vater bedeuten sie große Aufopferung. Diese Thematik klingt entlang des gesamten Werks immer wieder an (Weihnachten!), durchgängig stark und authentisch umgesetzt. Seine Freundin Claire hat ebenfalls einen Plan. Sie ist die Dynamische der beiden. Getrennt voneinander wagen sie den Absprung.
„Es kommt zu der Drehung um ca. 300 Grad, in der der Turner seine Körperhaltung verändert.“ Flugphase.
Sowohl bei Claire, als auch bei Marko werden im Rahmen der Flugphase sämtliche Pläne auf den Kopf gestellt. Beide sehen sich in dieser Umbruchphase des Lebens auf einmal mit chronischen Erkrankungen konfrontiert. Eine der Erkrankungen stammt aus dem psychiatrischen Formenkreis. Es handelt sich um eine aus meiner Sicht in der Literatur unterrepräsentierte oder oft stigmatisierend dargestellte Erkrankung. Ich war gleichermaßen berührt und begeistert darüber, wie fachlich hochwertig und mitfühlend hier vorgegangen wurde. Wir begleiten Marko inmitten der Phase, in der alles entgleitet. Zeitlich versetzt entsteht wieder Kontakt zu Claire. Beide müssen ihre Pläne auf Eis legen. Salto ist viel mehr als das Label Coming-of-age zum Ausdruck bringen könnte. Prödel beleuchtet Umbrüche im Leben und das Danach.
Eigentlich ist es gänzlich unerheblich, zu welcher Zäsur er Romane verfasst: Trennung, Midlife, Elternschaft, whatever. Hauptsache ist, er schreibt weiter so weise über Metamorphosen wie bisher. Aus meiner Sicht ist „Salto“ sogar noch stärker als „Klapper“.
„Es gilt, die Drehung wieder zu verlangsamen, wieder kontrolliert auf den Beinen zu landen und sein Gleichgewicht wiederherzustellen“ Landephase.
Marko, aus dessen Sicht wir die Geschichte erleben, geht gestärkt aus der Krise hervor. Er befreit sich von Ängsten und Zwängen, die ihn in seinem Leben vor der Erkrankung hemmten. Auch Claire lernt mit dem neuen „Normal“ zu leben. Beide eint das Balancieren zwischen Frühwarnzeichen, Bedarfsmedikation und dem Abwenden von Krisen. Hier geht es eher im Hintergrund um romantische Liebe. Wie auch bei „Klapper“ spielt stattdessen die Verbundenheit zur Herkunftsfamilie eine große Rolle. Die Beziehung von Marko und seinem Vater Frank hat mich sehr berührt und auch das Motiv des aus dem Zeitraster gefallenen Weisheiten-Kalenders der Mutter hat die melancholische Grundatmosphäre betont. Dadurch, dass Marko sich gegen die Karstens dieser Welt wehrt und für die eigene Autonomie einsteht, steigert er sein Selbstwirksamkeitserleben. Das stellt ebenso eine starke Ressource dar wie die Beziehung zu seinem Vater oder das Verständnis, das jemand wie Claire für das Leben mit einer chronischen Erkrankung aufbringen kann. Insofern strahlt der Roman auch sehr viel Zuversicht aus: Es ist möglich wieder zu landen, nachdem Plan A in die Luft geflogen ist.
Hervorheben möchte ich an dieser Stelle noch Prödels außergewöhnlichen Schreibstil. Mit einfacher und nahbarer Sprache bringt er Dinge zu Ausdruck, von denen man bisher dachte, man sei die Einzige, die so empfindet. Durchbrochen von Videobeschreibungen und dem Mantra „Augen zu. Eine Sekunde warten. Augen auf.“ Das schafft Verbundenheit.
Ich freue mich auf alles, was Kurt Prödel noch schreiben wird.
Fest steht, ich werde es lesen.