Ein klares Ja - in der Originalsprache!

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mariabaust Avatar

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In „Schlaf“ erhalten wir Einblick in das Leben einer amerikanischen Kleinfamilie und ihres erweiterten Freundes- und Familienkreises. Im Zentrum steht die Dynamik zwischen der Mutter Elizabeth und ihrer Tochter Margaret, die von einer subtilen, aber beständigen Spannung durchzogen zu sein scheint.
Anfangs habe ich mich etwas an den kindlichen Formulierungen gestoßen, unsicher, ob sie mit Absicht so gewählt waren. Nach einigen Seiten war ich mir sicher: sie sind es. Die Autorin schafft es auf eine sympathische und wenig aufdringliche Weise, gleichzeitig die Perspektive eines Kindes und die einer beobachtenden Instanz darzustellen. Die unschuldigen Gedanken, Selbstbeschuldigungen und Fragen, die Margaret gedanklich verhandelt, tun weh, weil in ihnen so viel kindliche Zärtlichkeit mitschwingt, dass man die Kleine am liebsten umarmen würde. Margaret ist dabei, zumindest anfangs, ein liebenswürdiger Charakter mit authentisch-kindlichen, aber keineswegs kitschigen Gedankengängen. Ich war überrascht davon, wie gut eine erwachsene Person sich in kindliche Fantasien hineindenken kann. Es hat etwas Vertrautes an sich, einem Kind dabei zuzusehen, wie es Gedankengänge ausformt, die man so oder so ähnlich selbst einmal gehabt hat.
Das Rollenverständnis von Mann und Frau konnte mich allerdings nicht überzeugen. Dargestellt wird ein sehr stereotypes Männerbild. Vielleicht wird das im weiteren Verlauf noch wichtig, ich glaube allerdings, dass wir an einem Punkt sind, an dem alternative Männlichkeiten vielleicht auch literarisch abgebildet werden könnten. Mehrfach hatte ich den Gedanken, dass es sicherlich wichtig ist, die Lebensrealität von Frauen, wie sie nun eben leider immer noch so ist, abzubilden. Andererseits: gibt es nicht schon genug Bücher, in denen es die einzige Lebensaufgabe der Frau ist, sich an einen Mann zu binden und Kinder zu bekommen? Warum definiert Elizabeth sich so sehr über ihren Mann und seine Treue, und warum wird das so unreflektiert dargestellt?
Den zweiten Teil des Textes, also die Beschreibung des Sommers, habe ich als deutlich schwächer empfunden als den ersten Teil. Die Übersetzung ist an einigen Stellen holprig, teils sogar fehlerhaft, z. B. Kap. 3: "Räumte die Spülmaschine aus und ein [...] räumte die Spülmaschine aus und ein." Vielleicht wäre so etwas an dieser Stelle eleganter: „Räumte die Spülmaschine aus und ein... räumte die Spülmaschine ein und aus.“ Solche Stellen, die sich einfach nach einer nicht besonders gelungenen Übersetzung anhören, kamen in der zweiten Hälfte leider öfter vor. Im Allgemeinen hatte der Text weniger Tiefe, die Konversationen wirken teils etwas künstlich. Ich denke aber, wie gesagt, dass es eher an der Übersetzung als am Text an sich gelegen haben wird.
Positiv hervorzuheben ist, dass Margaret "Margo" als ambivalenter Charakter dargestellt wird. Es existiert mehr als nur die kindliche Ebene. Besonders das Ende des Auszugs hat in mir das Interesse geweckt, herauszufinden, wie es weitergeht. Sprachlich müsste man hier aber nochmal nachjustieren.