100 Seiten zu viel.

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wolfram Avatar

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Viele Thriller fangen mit atemloser Spannung ab Seite eins an und hetzen adrenalingeladen von einer Gefahr in die nächste. Oft fällt dadurch der Spannungsbogen im Mittelteil stark ab.In "Schlafende Vulkane" ist es viel angenehmer. Interessante, sympathische Charaktere, gleichbleibender Spannungsbogen, ohne langweilig zu werden. Das Ermittlerteam, bestehend aus der noch ganz frisch in der Abteilung Gewaltverbrechen startenden Helga und dem unangepassten, bärenstarken und naturverbundenen Bjarki, macht seine Arbeit gut, wenn auch oft auf recht eigenwillige Weise. Der Bösewicht ist schön böse und psychopathisch und immer einen Schritt voraus. Also eigentlich ein toller Roman, wären da nicht die letzten hundert Seiten. Hätten 400 Seiten nicht einen schönen, runden, durchweg spannenden Roman abgegeben? Ohne eine künstliche Kehrtwende, die auf klischeehafte Weise die Handlung verlängert und die Protagonistin noch einmal so richtig in tödliche Gefahr bringt:
Helga und Bjarki stehen vor dem Haus des mutmaßlichen Mörders. In 20 Minuten wird die Spezialeinheit da sein, das Haus umstellen und der ganzen Sache ein Ende bereiten.
Doch 20min können die beiden nicht warten und klingeln am Haus. Blöder geht's nicht, der Mörder ist nicht nur weg, er hat auch noch die Hauswirtin erledigt.
Dramaturgisch wurde dieser Kniff wohl gewählt, um die Spannung zu erhöhen, die Gefahr zu steigern und schließlich Helga selbst in Gefahr zu bringen.
Das Buch wäre ohne diese künstliche Verlängerung stärker gewesen, nicht weniger spannend, doch um einiges glaubhafter.


Das Ende kommt dann, nach einem mehrfachen Showdown mit lauter Last Second Rettungen, dann doch recht plötzlich: Man hat kaum noch Seiten in der Hand, es sieht noch nicht nach einem Ende aus. Dann ist plötzlich alles gelöst und das Buch ist vorbei. Benni, seit Jahrzehnten ein frustrierter Schreibtischtiger bei der Polizei, wandelt sich auf den letzten Metern zum Aktivisten - das ganze wird mit einem Nebensatz begründet, in etwa so: "Weil Benni sich jetzt gebraucht fühlte, hatte er wieder Energie und Ideen". 
Etwas ratlos bleibt die Leserin zurück und fragt sich: War das jetzt der Cliffhanger zum Folgeband? Noch mal 500 Seiten?