Die Macht der Worte über Körper und Wirklichkeit

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Schon der erste Satz von Schleifen von Elias Hirschl ist ein Versprechen: „Jedes Wort ist ein Symptom.“ Was folgt, ist eine ebenso wilde wie kluge literarische Konstruktion, die Sprache nicht nur als Mittel des Erzählens begreift, sondern als treibende Kraft von Körper, Geschichte und Macht.

Die Idee der Protagonistin Franziska Denk ist ebenso verstörend wie faszinierend: Sie erkrankt an jeder Krankheit, von der sie hört oder liest. Worte haben unmittelbare körperliche Folgen. Diese Prämisse wird nicht als bloßer Einfall ausgespielt, sondern konsequent in ein komplexes Geflecht aus Philosophie, Linguistik, Religion und Zeitgeschichte eingebettet. Der Wiener Kreis, Figuren wie Wittgenstein, Gödel oder Moritz Schlick, Debatten über Ursprache, Plansprachen und Wahrheit – all das wird mit großer erzählerischer Lust und erstaunlicher Leichtigkeit verknüpft.

Besonders beeindruckt hat mich der Sprachwitz und die intellektuelle Spielfreude des Textes. Hirschl schreibt hochkomplex, aber nie hermetisch. Trotz der vielen Ideen, historischen Bezüge und theoretischen Ebenen bleibt der Text lebendig, oft humorvoll, manchmal absurd, dann wieder erschreckend ernst. Die Verbindung von persönlichem Schicksal und großen Denkbewegungen wirkt organisch und mutig.

Die Leseprobe entwickelt eine enorme Sogwirkung, weil sie ständig neue Fragen aufwirft: Wie sehr prägt Sprache unsere Realität? Wo endet Erkenntnis, wo beginnt Wahnsinn? Und was passiert, wenn Worte mehr sind als bloße Zeichen? Schleifen ist ein Roman, der fordert, aber auch belohnt – mit Originalität, Tiefgang und einem unverwechselbaren Ton.

Ich möchte unbedingt weiterlesen, weil dieses Buch den Eindruck vermittelt, literarisch etwas zu wagen, und weil es zeigt, wie viel erzählerische Kraft in Sprache selbst liegen kann.