Ein postmoderner Roman für Sprachverliebte

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springtoiffel Avatar

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Postmodern, metafiktiv, ergodisch, philosophisch - mit diesen und sicher noch einer Reihe weiterer Begriffe, könnte man "Schleifen" des jungen Wiener Sprachvirtuosen Elias Hirschl belegen. Am ehesten hat es mich an "House of Leaves" von Mark Z. Danielewski erinnert, ohne den (für mich) fatalen Fehler zu begehen, wegen dem ich "House of Leaves" seinen Platz in einem postmodernen Kanon abspreche: die reine Fiktionalität des Inhalts, die sich somit jeder Realitätsnähe entzieht - ein bahnbrechender Unterschied zu einem Werk wie "Gravity's Rainbow" von Thomas Pynchon, das so dermaßen mit Wissen und literarischen/historischen Allusionen vollgestopft ist, dass es zwingend einen Platz im Olymp der Hochliteratur belegen muss. Auch "Schleifen" hat Bezug zu realen Personen und realen Geschehnissen und Problemen und steht somit über "House of Leaves".


Eine Story im klassischen Sinne ("Ich will unbedingt wissen, wie es weitergeht !!!") ist zwar vorhanden, gerät aber eindeutig ins Hintertreffen; die Art, wie der Roman geschrieben wurde und die tatsächliche Bedeutung des Textes sind es, was "Schleifen" definiert, und nicht etwa das rasche Konsumieren eines Plots.
Hier kommen wir nämlich zum Zweiten, was auffällt: die metafiktive Art des Geschriebenen, die durch die Fußnoten an "Infinite Jest" von David Foster Wallace (zum Glück, ohne dass man nach hinten blättern muss) und durch die Ausführung an "Lost in the Funhouse" von John Barth erinnert, ohne sich jedoch in den absurden Gedankenspielen des John Barth zu verlieren.

Somit ergibt sich ein Werk, das mir jedes Mal, wenn ich darin gelesen habe, mehrere Deutungsmöglichkeiten aufgezeigt hat, was denn da genau gelesen wurde. So wird jeder Leser dieses Buch anders deuten können und wenn dies logisch begründbar ist, wird jede Deutungsmöglichkeit ihre Berechtigung haben. Ich denke dabei an den "Ulysses" von James Joyce und seinen Gedanken, dass die Gelehrten sich noch lange darüber den Kopf zerbrechen werden. Dasselbe Potential hat "Schleifen" sicherlich auch!

Ein Wort zum Schluss: wer keinen der genannten Romane gelesen hat, wer die in dieser Rezension angesprochenen Autoren nicht kennt/schätzt, der wird sich auch mit "Schleifen" schwertun. Wer sich in die Welt der Postmoderne ein allererstes Mal begeben will, dem würde ich tatsächlich "House of Leaves" empfehlen - so sehr ich dieses Buch auch gering schätze, so hat es doch den Wert, ein Einstieg in die Gattung des postmodernen Romans zu sein. Wer jedoch die Schwergewichte der komplexen Literatur schon hinter sich gebracht hat und auf der Suche nach neuem Lesevergnügen ist, der darf "Schleifen" nicht verpassen!