Ein Roman für das postfaktische Zeitalter?
Schleifen ist ein herausfordernder Text, der manchmal anstrengend ist (so wie es anstrengend ist, den Verschwörungstheorien eines verwirrten Onkels zuzuhören), einen fürs Dranbleiben aber sowas von belohnt - das Ende ist ein wilder, herrlicher Fiebertraum! Ein gewitzter, absurder Roman voller Einfallsreichtum, der - ja - teils ermüdend ist wie ein undurchsichtiges, wissenschaftliches Paper, aber auch experimentell, anspielungsreich und immer wieder ziemlich erstaunlich. Ich kann nicht behaupten, dass ich alles verstanden habe, aber wahrscheinlich muss man das auch nicht. Ich war beeindruckt, wie Hirschl die ganzen Erzählstränge zusammenführt. Es geht um Sprach- und Zahlenfanatiker:innen mit Allmachtsfantasien, um Verschwörungstheoretiker:innen und Wissenschaftler:innen (alles ziemlich ununterscheidbar hier), um verschwundene und wiederauftauchende Menschen, Manuskripte, Manifeste. Im Kern um das Verhältnis von Welt und Weltbeschreibung. Spezifisch zum Beispiel um eine sektenartige Gemeinschaft, die von der Außenwelt weitestgehend abgeschnitten auf der Verkehrsinsel eines gigantischen Tokioter Kreisverkehrs lebt, wo völlig unklare Gesetze gelten: “Man wird verhaftet oder nicht verhaftet. Daran kann man nichts ändern. Ob beim Blumengießen, beim Mittagessen, beim Spazierengehen oder beim Erwürgen eines wohlhabenden Verwandten, es kann einen überall und jederzeit erwischen.” Auch wegen solcher Sätze habe ich das Buch sehr gemocht.