Unglaublich kreativ und amüsant

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sofie Avatar

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Es ist nicht einfach, kurz zu beschreiben, worum es in “Schleifen” von Elias Hirschl geht. Am Anfang wirkt es fast wie eine Liebesgeschichte zwischen Sprache und Mathematik. Die Sprache wird verkörpert von Franziska Denk, die als Kind unter seltsamen Umständen leidet: Jede Krankheit und jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie selbst sofort. Ihre Eltern sind beide sprachbegeistert und philosophisch interessiert und auch Franziska lernt schon als Kind unglaublich viele Sprachen. Die Mathematik wird verkörpert von Otto Mandl, dessen Vater schon Mathematiker war, aber aufgrund der zeitlichen Umstände keinen großen Erfolg hatte:

“Mandl wusste, dass das, was sich vor seinem Fenster abspielte, in erster Linie ein sprachlicher Bedeutungswandel war. Das Wort ‘Mensch’ hatte sich verändert. Das Wort ‘Volk’ hatte sich verändert. Sehr viele Wörter hatten sich rasend schnell verändert.” (S. 59)

Franziska Denk und Otto Mandl werden ein Paar und ab da eskaliert es. Anders kann man es nicht nennen. Der Roman fühlt sich manchmal an wie eine große Welle, die einen mitreißt. Immer neue, immer absurdere Dinge passieren. Im Zentrum steht dabei die Sprache und was sie mit Menschen machen kann. Wozu wir Sprache brauchen, wie sie funktioniert, wie sie unser Denken beeinflusst. Die Motive wiederholen sich dabei immer wieder, wie, na ja, Schleifen. Sie werden immer wieder aufgegriffen und auf die Spitze getrieben. Am Ende landet man als Leserin mitten in einer Dystopie, in der die Welt komplett aus den Fugen geraten ist.

Ich habe während des Lesens sehr viel nachgeschlagen, denn einige der genannten Personen im Buch haben tatsächlich existiert. Dabei war ich oft überrascht, welche wirklich gelebt haben und welche sich Hirschl ausgedacht hat – in beide Richtungen. So war mir zwar die sogenannte “Deutsche Physik” in der Zeit des Nationalsozialismus bekannt, dass es aber auch eine “Deutsche Mathematik” gab, war mir neu.

Neben der unglaublichen Kreativität mit der der Autor ganze Sprachen, Völker, Mythen, Gesellschaftsformen und Krankheiten erfindet, hat mir vor allem der Humor des Romans gefallen. Immer wieder kommen kleinere und größere amüsante Bemerkungen in diesem ganzen Wahnsinn vor.

“Nun ist es in der Literaturwissenschaft und Germanistik seit jeher gleichsam verpönt wie üblich, über das Liebesleben von Autor:innen zu spekulieren. Einerseits ist es natürlich völlig fehl am Platz, über so etwas Privates wie zwischenmenschliche Neigungen zu mutmaßen, was ja wirklich niemanden etwas angeht, vor allem wenn es um so intellektuelle, hochgeistige Angelegenheiten wie Literatur und Philosophie geht. Andererseits stellen sich die meisten Literaturwissenschaftler:innen abend bei einem bis fünf Bier dann doch oft die Frage: ‘Thomas Bernhard – hat er jetzt gefickt oder nicht?’” (S. 148)

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es geteilte Meinungen zu diesem Buch geht. Mich hat es aber ausgezeichnet unterhalten und zum Nachdenken gebracht. Man muss sich ein bisschen darauf einlassen, aber es lohnt sich!