Zwischen Wahnsinn und Genialität

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Die Bewertung des Buches fällt mir sehr schwer. Es war auf jeden Fall mal was anderes, es war aber auch verwirrend und abstrakt. Aber beginnen wir mal von vorne:

Franziska Denk wächst in einer intellektuellen Umgebung auf und interessiert sich schon früh für Sprache. Das liegt wohl auch daran, dass sie schon als Kind die Macht der Worte am eigenen Leib erfährt: Jede Krankheit, von der sie hört oder liest, bekommt sie daraufhin selbst. Erst nach Jahren schafft sie es, sich dagegen zu immunisieren. Otto Mandl ist Mathematiker und zusammen widmen sich die beiden viele Jahre lang der Erforschung einer perfekten Sprache.

Das ist aber nur einer von vielen Handlungssträngen. Das Buch folgt über einer Spanne von ca. 90 Jahren dem Leben der beiden, aber es gibt sehr viele Nebenfiguren und -geschichten, die sich um sprachliche oder mathematische Begebenheiten drehen. Dabei werden die Handlungen so geschickt zwischen wahre Geschichten und Persönlichkeiten gestrickt, dass ich mich des Öfteren gefragt habe, was davon wahr und was Fiktion ist.

Der Autor nimmt viele sprachwissenschaftliche oder mathematische Ansätze, die von den Figuren dann im Streben nach Perfektion oder nach Wissen ins Abstruse gezogen werden. Der Ausgang wird stets sehr überspitzt dargestellt.

Der Stil ist sehr nüchtern und sachlich, oft gehoben und wirkt so, als ob Franziskas Leben und ihr Werk hier beschrieben werden. Franziska ist schwer greifbar, da Emotionen kaum vorkommen. Zudem ist sie auch keine Sympathieträgerin. Mit ihren sprachlichen Experimenten löst sie ganze Krisen in anderen Ländern aus. Somit widmet sich der Roman auch der Frage der Moral beim Streben nach neuen Erkenntnissen. Franziska geht dafür wortwörtlich über Leichen. Otto Mandl ist fast noch schwerer greifbar, weil wir nicht viel über seine Persönlichkeit erfahren, nur über sein Wirken.

Die Geschichte zeigt mit einer gewissen Ironie und anhand der Überspitzung, wie sich die Menschheit in ihrem Bemühen nach Wissen selber ad absurdum führt. Nicht alle wissenschaftlichen Gedankengänge habe ich bis ins Kleinste verstanden, aber ich glaube, das ist auch nicht notwendig, denn es ging oft sehr ins Detail.

Die Distanz zu den Figuren und die intellektuellen, hochtheoretischen Ausführungen führen dazu, dass sich die Geschichte nicht mal eben weglesen lässt, sondern viel Konzentration erfordert. Dadurch ist das Buch eher schwer zugänglich. Es fehlt auch an Spannung; die Kapitel lesen sich oft wie eine Aneinanderreihung von Kurzgeschichten.

Ich feier die vielen absurden Gedankengänge des Autors, die manchmal gar nicht so weit hergeholt wirken. Ich muss aber auch sagen, dass mir das Lesen durch die vielen komplexen Ansätze schwer fiel. Mir fehlte die Spannung sowie die Verbindung zu den Charakteren. Es war stellenweise sehr mühsam, am Ball zu bleiben. Somit vergebe ich insgesamt 3,5 Sterne.