Eine wichtige Stimme für die Demokratie
Rezi Schule, aber stabil
ZITAT
Gina Waibel klärt in ihrem ersten Sachbuch über das Thema Rassismus in der Schule auf. Sie spricht zentrale Themen an, wie etwa die Reflexion der eigenen Privilegien einer meist weißen Lehrerschaft, die Rassismus erst als solchen erkennt, wenn es zur Eskalation kommt. Sie beschreibt Ausgrenzung durch die Auswahl von Schulbuchtexten mit weiß-normativen Protagonisten und beschreibt das häufige Phänomen, das rassistische Zwischenfälle meist unbearbeitet bleiben. Auch ein Plädoyer für eine starke Demokratiebildung in der Schule finden sich in „Schule, aber stabil“. An vielen Stellen fordert die Autorin außerdem verpflichtende rassismuskritische Module in der Lehrer*innen Aus- und Weiterbildung. Sie hat selbst zehn Jahre lang in Baden-Würtemberg als Lehrerin gearbeitet und kann neben den theoretischen Betrachtungen einige Praxisbeispiele einfließen lassen. Ergänzend kommen einige Beobachtungen aus ihrer Instagram-Community hinzu, wo Waibel schon länger über Rassismus in der Schule aufklärt.
Waibels Buch ist durchaus streitbar. Nicht allen Thesen werden die Lesenden ohne Weiteres zustimmen wollen und das weiß die Autorin auch. Zumindest erwähnt sie es an vielen Stellen. Gleichzeitig beruft sie sich aber auch auf führende Stimmen der Antidiskriminierungsforschung in Deutschland. Die Positionen, so unbequem sie auch sein mögen, sind folglich wissenschaftlich abgesichert. Unter anderem wird Bezug auf Tupoka Ogette, Alice Hasters oder Kimberlé Crenshaw genommen. Fußnoten sind ebenfalls angegeben, sodass alle zitierten Studien nachgeprüft werden können. Das macht die stellenweise doch unbequeme Argumentation glaubwürdig.
Von einem Debattenbuch wie diesem kann man nicht verlangen, sämtliche angesprochene Missstände auch zu lösen. Grundsätzlich macht die Autorin sinnvolle Vorschläge: Verpflichtende Fortbildungen, die LehrerInnenausbildung umgestalten, Privilegien reflektieren, um Diskriminierung wahrzunehmen. Doch ich habe mich immer wieder gefragt: Und was machen wir jetzt? Denn all das sind Maßnahmen, die - wenn überhaupt umgesetzt - erst in einigen Jahren Wirkung zeigen. So bleibe ich mit einigen Aussagen etwas ratlos zurück. So etwa kann ich gut verstehen, dass Menschen, die migrantisch gelesen werden, nicht auch noch entsprechen adressiert werden sollen, wenn sich eine Klasse zum Beispiel mit Rassismus auseinandersetzt. Gleichzeitig sind aber auch Waibels Ausführungen zur erschwerten Praktikumsplatzsuche von Kindern mit ausländisch klingendem Namen und der damit verbundene andere Umgang mit Absagen verständlich. Beides zusammenzubringen erscheint mir wie eine sehr wackelige Gradwanderung.
Waibels Buch zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt. Verständlich, aber ziemlich direkt werden hier Aussagen zur Schule und zum Bildungssystem getroffen. Zur polarisierenden Wirkung trägt das durchaus gewollt bei. Als Stilmittel ist das grundsätzlich passend, ich frage mich aber doch, ob die Pauschalisierungen in der Form sein müssen. Warum heißen die Personen für die Negativbeispiele Karl-Heinz oder Ute? Wird durch diese Formulierungen nicht auch ein gefährliches Klischee transportiert - nämlich jenes, wonach nur die ältere Generation (die mit diesen Namen ja eher in Verbindung gebracht wird) ein Problem mit der Reflexion der eigenen Privilegien hat? Impliziert das nicht auch, dass die „Jungen“ gar nicht mehr so viel kritische Antirassismusarbeit leisten müssen?
„Schule, aber stabil“ bildet gerade jetzt eine wichtige Stimme mit einer starken Positionierung für die Demokratisierung der Schulen. In Zeiten, in denen die Zivilgesellschaft zunehmend unter Druck gerät, ist das ein wichtiges Zeichen. Bequem wird das Sachbuch dadurch für die Lesenden aber noch lange nicht.
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Gina Waibel klärt in ihrem ersten Sachbuch über das Thema Rassismus in der Schule auf. Sie spricht zentrale Themen an, wie etwa die Reflexion der eigenen Privilegien einer meist weißen Lehrerschaft, die Rassismus erst als solchen erkennt, wenn es zur Eskalation kommt. Sie beschreibt Ausgrenzung durch die Auswahl von Schulbuchtexten mit weiß-normativen Protagonisten und beschreibt das häufige Phänomen, das rassistische Zwischenfälle meist unbearbeitet bleiben. Auch ein Plädoyer für eine starke Demokratiebildung in der Schule finden sich in „Schule, aber stabil“. An vielen Stellen fordert die Autorin außerdem verpflichtende rassismuskritische Module in der Lehrer*innen Aus- und Weiterbildung. Sie hat selbst zehn Jahre lang in Baden-Würtemberg als Lehrerin gearbeitet und kann neben den theoretischen Betrachtungen einige Praxisbeispiele einfließen lassen. Ergänzend kommen einige Beobachtungen aus ihrer Instagram-Community hinzu, wo Waibel schon länger über Rassismus in der Schule aufklärt.
Waibels Buch ist durchaus streitbar. Nicht allen Thesen werden die Lesenden ohne Weiteres zustimmen wollen und das weiß die Autorin auch. Zumindest erwähnt sie es an vielen Stellen. Gleichzeitig beruft sie sich aber auch auf führende Stimmen der Antidiskriminierungsforschung in Deutschland. Die Positionen, so unbequem sie auch sein mögen, sind folglich wissenschaftlich abgesichert. Unter anderem wird Bezug auf Tupoka Ogette, Alice Hasters oder Kimberlé Crenshaw genommen. Fußnoten sind ebenfalls angegeben, sodass alle zitierten Studien nachgeprüft werden können. Das macht die stellenweise doch unbequeme Argumentation glaubwürdig.
Von einem Debattenbuch wie diesem kann man nicht verlangen, sämtliche angesprochene Missstände auch zu lösen. Grundsätzlich macht die Autorin sinnvolle Vorschläge: Verpflichtende Fortbildungen, die LehrerInnenausbildung umgestalten, Privilegien reflektieren, um Diskriminierung wahrzunehmen. Doch ich habe mich immer wieder gefragt: Und was machen wir jetzt? Denn all das sind Maßnahmen, die - wenn überhaupt umgesetzt - erst in einigen Jahren Wirkung zeigen. So bleibe ich mit einigen Aussagen etwas ratlos zurück. So etwa kann ich gut verstehen, dass Menschen, die migrantisch gelesen werden, nicht auch noch entsprechen adressiert werden sollen, wenn sich eine Klasse zum Beispiel mit Rassismus auseinandersetzt. Gleichzeitig sind aber auch Waibels Ausführungen zur erschwerten Praktikumsplatzsuche von Kindern mit ausländisch klingendem Namen und der damit verbundene andere Umgang mit Absagen verständlich. Beides zusammenzubringen erscheint mir wie eine sehr wackelige Gradwanderung.
Waibels Buch zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt. Verständlich, aber ziemlich direkt werden hier Aussagen zur Schule und zum Bildungssystem getroffen. Zur polarisierenden Wirkung trägt das durchaus gewollt bei. Als Stilmittel ist das grundsätzlich passend, ich frage mich aber doch, ob die Pauschalisierungen in der Form sein müssen. Warum heißen die Personen für die Negativbeispiele Karl-Heinz oder Ute? Wird durch diese Formulierungen nicht auch ein gefährliches Klischee transportiert - nämlich jenes, wonach nur die ältere Generation (die mit diesen Namen ja eher in Verbindung gebracht wird) ein Problem mit der Reflexion der eigenen Privilegien hat? Impliziert das nicht auch, dass die „Jungen“ gar nicht mehr so viel kritische Antirassismusarbeit leisten müssen?
„Schule, aber stabil“ bildet gerade jetzt eine wichtige Stimme mit einer starken Positionierung für die Demokratisierung der Schulen. In Zeiten, in denen die Zivilgesellschaft zunehmend unter Druck gerät, ist das ein wichtiges Zeichen. Bequem wird das Sachbuch dadurch für die Lesenden aber noch lange nicht.