Der letzte Sommer der Kindheit
Fiumetto an der ligurischen Küste, im Sommer 1972: Der zwölfjährige Gigio verbringt wie jedes Jahr die wärmste Zeit des Jahres am Meer. Zusammen mit seinem Vater, einem renommierten Strafverteidiger, seiner irischen Mutter und der kleinen Schwester lässt er es sich am Strand gut gehen, unternimmt Bootsfahrten oder trifft sich mit der ein Jahr älteren Astel, die er seit vielen Jahren kennt. Doch irgendwas ist anders in diesem Jahr. Warum bloß sucht Astel immer wieder seine Nähe? Wieso wachsen ihm im Gegensatz zu seinen Freunden noch keine Haare am Körper? Und dann stehen auch noch die Olympischen Sommerspiele vor der Tür, auf die der sportbegeisterte Junge mit Vorfreude blickt. Eigentlich könnte alles so schön sein, neu und aufregend. Doch mit zunehmender Dauer mehren sich die Anzeichen, dass Gigio etwas bevorsteht, das diesen Sommer 1972 zum letzten seiner Kindheit machen wird....
"Schwarzer September" ist der neueste Roman von Sandro Veronesi, der in der deutschen Übersetzung aus dem Italienischen von Karin Krieger bei Zsolnay erschienen ist. In Italien ist Veronesi ein literarischer Superstar, der bereits zweimal mit dem Premio Strega ausgezeichnet wurde, unter anderem für den direkten Vorgänger "Der Kolibri". "Schwarzer September" bringt eigentlich alles mit, um auch in Deutschland ein großer Erfolg werden zu können.
Schon das Cover ist ein echter Hingucker. Drei Jugendliche, etwas älter als Gigio, dösen in der Sonne und geben sich der Trägheit eines Sommertages am Meer hin. Doch der bedrohliche Titel "Schwarzer September" zerstört diese Idylle. Älteren Leserinnen steht der Anschlag auf das israelische Olympiateam in München 1972 durch die gleichnamige palästinensische Terrororganisation vor Augen, doch selbst wer diesen Bezug nicht herstellt, erkennt den deutlichen Kontrast zwischen Titel und Cover.
Der erste Eindruck stimmt also, doch noch viel wichtiger ist, dass sich Veronesi als gnadenlos guter Romancier entpuppt. Mit einem Abstand von gut 50 Jahren blickt der Ich-Erzähler auf diesen schicksalhaften Sommer 1972 zurück. Er spricht die Leserschaft unmittelbar an, schon im ersten Satz ist man mittendrin: "Um euch diese Geschichte zu erzählen, muss ich zuerst über meine Eltern sprechen." Man wird diesem Gigio auf den kommenden knapp 300 Seiten nicht mehr entkommen. Er nimmt sich alle Zeit der Welt, wiederholt ("wie schon gesagt"), wägt ab, deutet an und ständig fühlt man die Bedrohung, die hinter dem Text lauert. Das ist ungemein geschickt und elegant konstruiert und sorgt für eine immer stärker werdende Intensität.
Auch die Figurenzeichnung ist gelungen, insbesondere Gigio selbst ist ein liebenswerter Protagonist, den der Autor mit viel Feingefühl und Empathie begleitet. Ich konnte mich wunderbar mit ihm identifizieren, fühlte mich an die Sommer der Kindheit erinnert, die einem so unglaublich lang vorkamen und in denen jede Emotion, jedes Gefühl so viel stärker und intensiver wirkte als in den Jahren, in denen ich zumindest rechtlich längst erwachsen war. Diese Begeisterung für die unterschiedlichsten Sportarten, das Befüllen von Sammelalben, die ersten eigenen Schallplatten und selbstverständlich die erste Liebe. Gewisse, leicht verschrobene Eigenschaften wie das ständige Wiederholen und Sammeln von Lieblingswörtern, tragen zu der Liebenswürdigkeit der Hauptfigur bei und sorgen immer wieder auch für komische Momente. Doch auch die Nebenfiguren sind gut besetzt. Hier sei vor allem der nerdige Onkel Giotti erwähnt, der nicht nur bei Gigio selbst beizeiten mehr Eindruck hinterlässt als der eigene Vater.
Klug ist auch, dass man als Leser ganz nebenbei sehr viel über die gesellschaftlichen, sportlichen, politischen und popkulturellen Aspekte erfährt, die in Italien Anfang der 1970er-Jahre von Belang waren. Hier hat mich vor allem die Handlung rund um den Mord an dem Jungen Ermanno Lavorini bewegt, in dessen Folge Gigios Vater als Anwalt tätig werden muss. Ein fast unglaublicher Kriminalfall, dessen Geschichte und Folgen ich unmittelbar recherchiert habe und jedem ans Herz legen kann. Dass ein Roman zudem einen eigenen Soundtrack hat, ist vielleicht nichts Neues, aber die Zusammensetzung der Songs im Anhang dafür umso hörenswerter.
Stark ist auch, wie Sandro Veronesi die beiden Teile des Romans enden lässt. Den Übergang zwischen dem ersten und zweiten Teil bildet eine Geschichte, die Gigio erlebt hat, als er selbst bereits Vater mehrerer Kinder war und die metaphorisch nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes für das Ende einer Kindheit steht, sondern spätestens jetzt auch die Leser ahnen lässt, dass Gigios Kindheit selbst noch in diesem Buch ihr Ende finden wird. Abgerundet wird "Schwarzer September" durch eine kleine, wunderschön erzählte Episode in einem Olivenhain, die ebenso gelungen den ungleich dramatischeren zweiten Teil zum Abschluss bringt. Gewarnt sei allerdings vor dem Klappentext, der ein zentrales Element des Romans vorwegnimmt, das tatsächlich erst im letzten Viertel auftaucht.
Insgesamt ist "Schwarzer September" ein hervorragend erzählter und konstruierter Coming-of-Age-Roman, dessen Mischung aus Unbeschwertheit, Komik, Trauer und Melancholie sich unmittelbar auf die Leser überträgt. Für mich war es die erste Begegnung mit Sandro Veronesi. Es wird nicht meine letzte sein.
"Schwarzer September" ist der neueste Roman von Sandro Veronesi, der in der deutschen Übersetzung aus dem Italienischen von Karin Krieger bei Zsolnay erschienen ist. In Italien ist Veronesi ein literarischer Superstar, der bereits zweimal mit dem Premio Strega ausgezeichnet wurde, unter anderem für den direkten Vorgänger "Der Kolibri". "Schwarzer September" bringt eigentlich alles mit, um auch in Deutschland ein großer Erfolg werden zu können.
Schon das Cover ist ein echter Hingucker. Drei Jugendliche, etwas älter als Gigio, dösen in der Sonne und geben sich der Trägheit eines Sommertages am Meer hin. Doch der bedrohliche Titel "Schwarzer September" zerstört diese Idylle. Älteren Leserinnen steht der Anschlag auf das israelische Olympiateam in München 1972 durch die gleichnamige palästinensische Terrororganisation vor Augen, doch selbst wer diesen Bezug nicht herstellt, erkennt den deutlichen Kontrast zwischen Titel und Cover.
Der erste Eindruck stimmt also, doch noch viel wichtiger ist, dass sich Veronesi als gnadenlos guter Romancier entpuppt. Mit einem Abstand von gut 50 Jahren blickt der Ich-Erzähler auf diesen schicksalhaften Sommer 1972 zurück. Er spricht die Leserschaft unmittelbar an, schon im ersten Satz ist man mittendrin: "Um euch diese Geschichte zu erzählen, muss ich zuerst über meine Eltern sprechen." Man wird diesem Gigio auf den kommenden knapp 300 Seiten nicht mehr entkommen. Er nimmt sich alle Zeit der Welt, wiederholt ("wie schon gesagt"), wägt ab, deutet an und ständig fühlt man die Bedrohung, die hinter dem Text lauert. Das ist ungemein geschickt und elegant konstruiert und sorgt für eine immer stärker werdende Intensität.
Auch die Figurenzeichnung ist gelungen, insbesondere Gigio selbst ist ein liebenswerter Protagonist, den der Autor mit viel Feingefühl und Empathie begleitet. Ich konnte mich wunderbar mit ihm identifizieren, fühlte mich an die Sommer der Kindheit erinnert, die einem so unglaublich lang vorkamen und in denen jede Emotion, jedes Gefühl so viel stärker und intensiver wirkte als in den Jahren, in denen ich zumindest rechtlich längst erwachsen war. Diese Begeisterung für die unterschiedlichsten Sportarten, das Befüllen von Sammelalben, die ersten eigenen Schallplatten und selbstverständlich die erste Liebe. Gewisse, leicht verschrobene Eigenschaften wie das ständige Wiederholen und Sammeln von Lieblingswörtern, tragen zu der Liebenswürdigkeit der Hauptfigur bei und sorgen immer wieder auch für komische Momente. Doch auch die Nebenfiguren sind gut besetzt. Hier sei vor allem der nerdige Onkel Giotti erwähnt, der nicht nur bei Gigio selbst beizeiten mehr Eindruck hinterlässt als der eigene Vater.
Klug ist auch, dass man als Leser ganz nebenbei sehr viel über die gesellschaftlichen, sportlichen, politischen und popkulturellen Aspekte erfährt, die in Italien Anfang der 1970er-Jahre von Belang waren. Hier hat mich vor allem die Handlung rund um den Mord an dem Jungen Ermanno Lavorini bewegt, in dessen Folge Gigios Vater als Anwalt tätig werden muss. Ein fast unglaublicher Kriminalfall, dessen Geschichte und Folgen ich unmittelbar recherchiert habe und jedem ans Herz legen kann. Dass ein Roman zudem einen eigenen Soundtrack hat, ist vielleicht nichts Neues, aber die Zusammensetzung der Songs im Anhang dafür umso hörenswerter.
Stark ist auch, wie Sandro Veronesi die beiden Teile des Romans enden lässt. Den Übergang zwischen dem ersten und zweiten Teil bildet eine Geschichte, die Gigio erlebt hat, als er selbst bereits Vater mehrerer Kinder war und die metaphorisch nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes für das Ende einer Kindheit steht, sondern spätestens jetzt auch die Leser ahnen lässt, dass Gigios Kindheit selbst noch in diesem Buch ihr Ende finden wird. Abgerundet wird "Schwarzer September" durch eine kleine, wunderschön erzählte Episode in einem Olivenhain, die ebenso gelungen den ungleich dramatischeren zweiten Teil zum Abschluss bringt. Gewarnt sei allerdings vor dem Klappentext, der ein zentrales Element des Romans vorwegnimmt, das tatsächlich erst im letzten Viertel auftaucht.
Insgesamt ist "Schwarzer September" ein hervorragend erzählter und konstruierter Coming-of-Age-Roman, dessen Mischung aus Unbeschwertheit, Komik, Trauer und Melancholie sich unmittelbar auf die Leser überträgt. Für mich war es die erste Begegnung mit Sandro Veronesi. Es wird nicht meine letzte sein.