Hatte aufgrund des Klappentextes etwas völlig anderes erwartet

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simonef Avatar

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Der Ich-Erzähler Gigio erzählt rückblickend über den Sommer 1972, den er als Zwölfjähriger wie immer mit seiner Familie in Fiumetto verbringt. Frühzeitig erwähnt er mehrfach ein einschneidendes Ereignis, das sein Leben für immer verändert hat, ohne jedoch zunächst genauer darauf einzugehen, worum es sich dabei handelt. Stattdessen arbeitet er detailgenau seine Stimmung, seine Verfassung und Interessen in diesem Sommer heraus, um ein möglichst genaues Bild seines damaligen Ichs zu zeichnen.

Gigio ist erstmals verliebt in Astel, ein dreizehnjähriges Mädchen mit äthiopischer Mutter, die seit Jahren Strandnachbarn seiner Familie sind. Neben dieser ersten Liebe werden diverse Sportereignisse wie die Tour de France und andere Radrennen, die Wettkämpfe der olympischen Spiele und Segelausflüge von Gigio und seinem Vater ausführlich beschrieben. So vergehen über zwei Drittel des Buches, bis es zu dem besagten Ereignis kommt, dessen Folgen dann, verglichen mit der Ausführlichkeit zuvor, recht schnell abgehandelt werden. Anhand des Klappentextes hatte ich erwartet, dass diese deutlich mehr Raum bekommen. Die ersten 70% des Romans empfand ich als äußerst zäh und ermüdend, da ich mich weder fürs Segeln noch für Sportergebnisse aus den 1970ern interessiere und sich Gigios Beschreibungen doch sehr in die Länge zogen. Als sich Gigios Leben dann schlagartig veränderte, hätte ich hingegen gerne deutlich mehr Details erfahren. Zudem konnte ich die Haltung, die Gigio anschließend zu bestimmten Personen aus seinem Umfeld einnahm, nicht wirklich nachvollziehen, insbesondere, was Schuldfragen und Verantwortung angeht. Hier scheint mir der Blickwinkel doch stark einseitig und patriarchal geprägt.

Leider würde ich mit dem Protagonisten nicht wirklich warm, und auch die Geschichte konnte mich weder inhaltlich noch in ihrer Konstruktion überzeugen. Vielleicht finden etwas ältere Leser, die die damalige Zeit selbst miterlebt haben, eher einen Zugang.