Rückblick auf einen ereignisreichen Sommer mit Brüchen

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Sandro Veronesis neuestes Werk ist ein Coming-of-Age-Roman, der die Geschichte des zwölfjährigen Gigio erzählt, der den Sommer 1972 mit seiner Familie an der ligurischen Küste verbringt. Sportbegeisterung, die aufregenden Gefühle der beginnenden Pubertät, erste Verliebtheit – das sind die Themen, die Gigio beschäftigen, bevor dramatische private und politische Ereignisse alles verändern.

Veronesi zeichnet ein lebendiges Bild der 1970er-Jahre und eines Sommers, der geprägt ist von Strandtagen, Musik von Cat Stevens und David Bowie sowie der Bedeutung sportlicher Großereignisse wie den Olympischen Spielen in München 1972. Gerade Leser, die diese Zeit selbst erlebt haben, sich für Sport interessieren oder sich in die Gedankenwelt eines Jungen dieses Alters hineinversetzen können, dürften sich hier wiederfinden. Denn Gigios Perspektive ist detailreich und konsequent aus seiner Lebenswelt heraus erzählt – mit vielen Beobachtungen, Interessen und Gedankengängen, die stark an eine klassische „Jungenperspektive“ gebunden sind.

Gigios Hobbys, seine intensive Beschäftigung mit Sport und seine oft sehr spezifischen Gedankengänge waren für mich jedoch schwer nachzuvollziehen, sodass eine echte emotionale Nähe nur selten entstand.

Hinzu kommt, dass sich der Roman viel Zeit für Details und Abschweifungen nimmt, während die dramatischen Ereignisse vergleichsweise knapp behandelt werden. Gerade im Hinblick auf das titelgebende Attentat während der Olympischen Spiele hatte ich mir mehr erhofft. Dieses historische Ereignis bleibt eher ein Randgeschehen, obwohl es großes erzählerisches Potenzial bietet und der Geschichte zusätzliche Intensität hätte verleihen können.

So bleibt „Schwarzer September“ ein atmosphärisch dichter, handwerklich überzeugender Roman, der vor allem durch seine Zeitzeichnung und die konsequente Perspektive punktet. Gleichzeitig ist er aber auch ein Buch, das stark von der Identifikation mit seinem Protagonisten lebt – und genau das hat für mich nur eingeschränkt funktioniert. Dafür gibt es einen Punkt Abzug in der Gesamtbewertung.