Geschichte von unten
„Wäre Hanna eine Blume gewesen, dann am liebsten eine Hortensie. Nach der Blüte in der Vase getrocknet, blieb sie noch jahrelang schön.“
Am 3. September 1938 kommt ein fein gekleideter Mann in Hannas Blumenladen und zeigt ihr eine Postkarte. Darauf das Ölgemälde eines Blumenstraußes des Barockmalers Ambrosius Bosschaert. Der Mann bestellt einen solchen Strauß bei ihr. Es ist ein Blumenstrauß, den es in Wirklichkeit damals nicht geben konnte, voller Blumen, die nie gemeinsam blühen. Im Museum findet sie ein Bild von Jacob Marrel mit Blumen, die sie kaufen kann, und ist stolz auf ihr Werk. Der Mann kommt nie wieder, um seine Bestellung abzuholen. Vielleicht, so mutmaßt sie, hat ihn ein Schild im Schaufenster abgehalten, zu dem der Blockwart sie gezwungen hatte: „Juden sind in diesem Geschäft nicht erwünscht.“ Die Episode bleibt Hanna ihr Leben lang im Gedächtnis, die Postkarte als Lesezeichen im Kochbuch.
So unwirklich und traumhaft der Strauß auf der Karte, so wirklich real und dramatisch ist das Leben der Blumenhändlerin und späteren Kranfahrerin Hanna Krause aus Magdeburg. Das ganze Zwanzigste Jahrhundert aus der Perspektive eines Frau aus der Arbeiterklasse im Osten Deutschlands. Der Vater ist früh verschwunden, die Mutter früh verstorben. Hanna lernt das Blumengewerbe bei einer ihrer Halbschwestern, wird hin und her geschubst, heiratet einen Mann, der zumindest lebende Eltern hat, was ihren Traum von einer intakten Familie beflügelt. Außerdem riecht er „so gut nach Erde, Rauch und einem leichten Hauch Schweiß“. Ein Hilfe beim Überleben ist er nicht, nicht bei der Erziehung ihrer Kinder, nicht im Bombenhagel und Feuersturm der Angriffe auf Magdeburg, nicht als Invalide in den Nachkriegswirren und später in der DDR. In der Bundesrepublik muss sie sich dann ganz alleine zurechtfinden.
Annett Gröschner entwirft die Geschichte einer Frau, die die Kraft hat, immer wieder aufzustehen. Es ist aber kein Trümmerfrauen-Märchen, sondern Geschichte von unten. Gröschner erzählt mit scharfem Blick auf die Verhältnisse - so wie ihre Protagonistin „von einem Kran in der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebes einen guten Überblick auf die Beziehungen der Menschen unter ihr hatte“.
Die Bilder bleiben im Kopf, das Jahrhundert sowieso.
Sehr empfehlenswert!
Am 3. September 1938 kommt ein fein gekleideter Mann in Hannas Blumenladen und zeigt ihr eine Postkarte. Darauf das Ölgemälde eines Blumenstraußes des Barockmalers Ambrosius Bosschaert. Der Mann bestellt einen solchen Strauß bei ihr. Es ist ein Blumenstrauß, den es in Wirklichkeit damals nicht geben konnte, voller Blumen, die nie gemeinsam blühen. Im Museum findet sie ein Bild von Jacob Marrel mit Blumen, die sie kaufen kann, und ist stolz auf ihr Werk. Der Mann kommt nie wieder, um seine Bestellung abzuholen. Vielleicht, so mutmaßt sie, hat ihn ein Schild im Schaufenster abgehalten, zu dem der Blockwart sie gezwungen hatte: „Juden sind in diesem Geschäft nicht erwünscht.“ Die Episode bleibt Hanna ihr Leben lang im Gedächtnis, die Postkarte als Lesezeichen im Kochbuch.
So unwirklich und traumhaft der Strauß auf der Karte, so wirklich real und dramatisch ist das Leben der Blumenhändlerin und späteren Kranfahrerin Hanna Krause aus Magdeburg. Das ganze Zwanzigste Jahrhundert aus der Perspektive eines Frau aus der Arbeiterklasse im Osten Deutschlands. Der Vater ist früh verschwunden, die Mutter früh verstorben. Hanna lernt das Blumengewerbe bei einer ihrer Halbschwestern, wird hin und her geschubst, heiratet einen Mann, der zumindest lebende Eltern hat, was ihren Traum von einer intakten Familie beflügelt. Außerdem riecht er „so gut nach Erde, Rauch und einem leichten Hauch Schweiß“. Ein Hilfe beim Überleben ist er nicht, nicht bei der Erziehung ihrer Kinder, nicht im Bombenhagel und Feuersturm der Angriffe auf Magdeburg, nicht als Invalide in den Nachkriegswirren und später in der DDR. In der Bundesrepublik muss sie sich dann ganz alleine zurechtfinden.
Annett Gröschner entwirft die Geschichte einer Frau, die die Kraft hat, immer wieder aufzustehen. Es ist aber kein Trümmerfrauen-Märchen, sondern Geschichte von unten. Gröschner erzählt mit scharfem Blick auf die Verhältnisse - so wie ihre Protagonistin „von einem Kran in der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebes einen guten Überblick auf die Beziehungen der Menschen unter ihr hatte“.
Die Bilder bleiben im Kopf, das Jahrhundert sowieso.
Sehr empfehlenswert!