Risse in Seele & Beton

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„Schwebende Lasten“ von Annett Gröschner ist ein Roman, der unter die Haut geht. Eine wahnsinnig fesselnde introspektive, leise Atmosphäre, die sich nicht aufdrängt.

Die Geschichte folgt einem Architekten, der mit den Nachwirkungen eines Bauprojekts ringt: Schwebende Lasten als Metapher für ungelöste Konflikte, Schuld und das Wanken zwischen Planung und Realität. Gröschner umsetzt das Thema meisterhaft – sie verwebt technische Präzision mit emotionaler Zerbrechlichkeit, ohne je in Klischees abzugleiten. Die Handlung entfaltet sich langsam, fast dokumentarisch, und taucht tief in die Psychologie der Figuren ein, während der Bausektor als Spiegel gesellschaftlicher Spannungen dient. Es ist kein rasanter Plot, sondern eine meditative Reise durch Verantwortung und Versagen.

Der Schreibstil fasziniert durch seine Klarheit und Dichte: Kurze, präzise Sätze wechseln mit längeren, wellenartigen Passagen, die wie ein Pendel schwingen. Annett Gröschner schreibt nüchtern, aber poetisch – ohne Pathos, dafür mit einer Schärfe, die die innere Zerrissenheit spürbar macht. Die Beschreibungen von Baustellen, Entwürfen und Materialien haben etwas Hypnotisches; ich konnte die Kälte des Betons fühlen und das Knarren der Gerüste hören.
Die Figuren sind nuanciert und authentisch: Der Protagonist ist kein Held, sondern ein Getriebener, geplagt von Zweifeln und Kompromissen. Seine Begegnungen mit Kollegen, Auftraggebern und Familienmitgliedern enthüllen Grauzonen – niemand ist rein gut oder böse, alle tragen ihre Lasten. Gröschner zeichnet sie mit feiner Beobachtungsgabe, basierend auf realen Motiven aus Beruf und Leben.

Das Buch spricht mich an, weil es die Fragilität von Stabilität thematisiert: Wie halten Konstruktionen – und Beziehungen – unter Druck? Annett Gröschner, bekannt für Werke wie „Affe muss in die Stadt“, bringt hier ihre Expertise aus Architektur und Literatur ein – eine Kombination, die süchtig macht.

Kritik: Die Langsamkeit erfordert Geduld, belohnt aber mit Tiefe.