Eindringlicher Roman
Dieses Buch berührt mich ohne gefühlsduselig zu sein. Es ist recht sachlich, manchmal flapsig geschrieben. Die österreichischen Redewendungen finde ich sehr gelungen, es entsteht ein ganz besonderes Bild im Kopf. Die Szenerie, die Menschen, alles wird bildlich und klar, sehr eindringlich und von einer ganz besonderen Kraft. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen drei Schwestern: Gerti, Rudi und Hansi. Schon früh werden sie durch die schwierigen Bedingungen der Nachkriegsjahre auseinander gerissen. Gerti bliebt in der Familie bei den Großeltern und der strengen Tante Hedwig und die beiden kleinen Schwestern kommen ins Heim. Dort ergeht es ihnen schlecht. Doch während Hansi schnell Glück hat und in ein liebevolles Elternhaus kommt, kann die rothaarige Rudi den Mauern des kirchlichen Heims nicht entkommen. Die drei Schwestern entwickeln sich sehr unterschiedlich, werden aber alle drei zu starken Frauen. Dabei Schilder Max Moor fast nebenbei die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der 50er und 60er Jahre. Gerti, die als Affäre die Kinder großteils alleine durchbringen muss und auf Anfeindungen und Vorbehalte stößt. Rudi, die ins Ausland geht und dort ein mondänes Leben führt, ihre Geister der Vergangenheit aber nicht abschütteln kann. Und letztlich Hansi, die schlaue und charmante kleine Schwester, die selbstbewusst ihren Weg geht und auch vor unkonventionellen Lebensmodellen nicht zurückschreckt. Sie ist das Glückskind, bei aller Tragik der Geschichte. Immer wieder stelle ich mir die Frage, wie sich die Schwestern und ihre Beziehung entwickelt hätte, wenn sie die Chance gehabt hätten, das Leben gemeinsam zu verbringen, sich nah zu sein und füreinander da zu sein. Die Frauen sind in diesem Buch auf jeden Fall die stärkeren Charaktere. Die Männer, wie der Opa, der sich nicht traut gegen die böse Tante Hedwig aufzubegehren und die Mädchen aus dem Heim zurückzuholen, sind meist schwach. Albert, Gertis große Liebe, nimmt eine besondere Bedeutung ein. Seine Briefe sind das Bindeglied zwischen den Jahren und letztlich zwischen den Schwestern. Seine Figur ist sehr ambivalent. Ein Tausendsassa, nirgendwo sesshaft, als Bauleiter in der Welt zu Hause und immer voller Ideen. Dass diese meist nicht zu Ende gedacht sind, geschenkt. Über ihn ärgere ich mich beim Lesen, leide mit, lache und weine mit ihm. Ja, der etwas ungewöhnliche Schreibstil mit österreichischem Zungenschlag macht das Lesen nicht immer einfach. Dennoch ist hier ein ganz besonderes Buch entstanden, dass die Nachkriegsjahre auf besondere Weise einfängt. Im Mittelpunkt stehen polarisierende, starke, aber auch verletzliche Frauenfiguren, die manchmal anecken, sich aber auf besondere Weise in mein Herz schleichen. Absolut empfehlenswert.