Großes Kino zwischen drei Knöpfen

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onlywithelisa Avatar

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Diese Rezension fällt mir ehrlich gesagt unglaublich schwer, weil ich nicht weiß, ob meine Worte diesem Meisterwerk überhaupt gerecht werden können.

„Schwestern. Trotz allem“ von Max Moor ist für mich ein Buch, das Zeit braucht. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich wirklich in der Geschichte angekommen bin. Unterschiedliche Handlungsstränge, verschiedene Erzählweisen und Zeitebenen fügen sich erst nach und nach zu einem großen Ganzen zusammen. Auch der Schreibstil ist anspruchsvoll, sprachgewaltig und stellenweise durchaus fordernd. Man muss aufmerksam lesen und sich auf diese Sprache einlassen. Aber genau dafür wird man belohnt. Denn irgendwann hat mich diese Geschichte vollständig gepackt und dann hatte ich das Gefühl, dass sich vor meinem inneren Auge ein Film abspielt. Ein großes, bildgewaltiges, manchmal erschütterndes und gleichzeitig unglaublich berührendes Kino.

Im Mittelpunkt stehen die drei Schwestern Gerti, Rudi und Hansi, die am Ende des Zweiten Weltkriegs auseinandergerissen werden. Drei Mädchen, drei völlig unterschiedliche Lebenswege. Gerti wächst bei ihrer unterkühlten Tante und ihren Großeltern auf. Sie trägt nicht nur die Verantwortung für sich selbst, sondern auch die Schuldgefühle und die Sehnsucht nach ihren Schwestern ein Leben lang mit sich herum. Rudi bleibt im Heim bzw. Kloster zurück und erlebt dort Dinge, die sie für immer prägen und ihr späteres Leben und ihre Fähigkeit, Nähe zuzulassen, bestimmen. Hansi dagegen wird von liebevollen Adoptiveltern aufgenommen und erlebt eine vergleichsweise behütete Kindheit. Und gerade diese unterschiedlichen Lebenswege fand ich unglaublich stark erzählt. Denn obwohl alle drei aus derselben Familie stammen, zeigt das Buch eindringlich, wie unterschiedlich Kindheit einen Menschen prägen kann und wie sehr die Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln trotzdem bestehen bleibt.

Besonders schön und gleichzeitig schmerzhaft fand ich das Symbol der drei Knöpfe. Drei kleine Knöpfe, die Gerti aus einer alten Weste aufbewahrt und die für ihre Schwestern stehen. Die Verbindung zwischen den drei Mädchen wird durch die äußeren Umstände brutal gekappt und trotzdem bleiben sie Schwestern. Trotz allem. Diese drei Knöpfe tauchen immer wieder auf und werden dadurch zu einem unglaublich starken Symbol für Zusammengehörigkeit, Verlust, Hoffnung und die Verbindung, die selbst Jahrzehnte und völlig unterschiedliche Lebenswege nicht vollständig zerstören können.

Überhaupt begleitet einen dieses „Trotz allem“ durch das gesamte Buch. Die Geschichte erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte und zeigt nicht nur die drei Schwestern, sondern auch die Menschen, die mit ihren Lebensgeschichten verbunden sind. Manche Figuren haben mich dabei mehr Geduld gekostet als andere. Besonders Alberts Aufzeichnungen fand ich teilweise unfassbar anstrengend. Aber vielleicht ist genau das auch ein Teil der Stärke dieses Buches. Die Figuren sind nicht dafür geschaffen, dass man sie alle sympathisch findet. Sie sind widersprüchlich, geprägt von ihrer Zeit, ihren Erfahrungen und ihren eigenen Verletzungen. Und genau darum geht es für mich auch ganz wesentlich: Was macht ein Leben mit einem Menschen? Wie sehr begleiten uns Erlebnisse aus unserer Kindheit, selbst wenn wir längst erwachsen sind? Wie viel tragen wir weiter, obwohl wir eigentlich glauben, längst darüber hinweg zu sein? Und wie stark können Verlust, Schuld, Liebe und Sehnsucht ein ganzes Leben beeinflussen? Der Satz aus der Inhaltsangabe: „Es war kein schönes Leben, aber es war meins.“ passt für mich nicht nur zu Gerti, sondern zu allen drei Schwestern. Denn keines ihrer Leben ist einfach. Jedes hat seine Höhen und Tiefen, seine Verluste, seine Entscheidungen und seine ganz eigenen Wunden. Und trotzdem gehört dieses Leben ihnen.

Max Moor gelingt es dabei, die Schrecken und Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs nicht einfach nur historisch zu erzählen. Man erlebt Verlust, Armut, gesellschaftliche Vorurteile, Schuld und die Auswirkungen dieser Zeit auf einzelne Menschen. Und manchmal hat mich das beim Lesen dazu gebracht, über bestimmte Dinge selbst noch einmal nachzudenken oder sogar nachzuschauen: Wie war das eigentlich wirklich? Genau solche Bücher liebe ich. Bücher, die nach dem Zuklappen nicht einfach verschwinden. Dieses Buch wird mich definitiv noch sehr, sehr lange beschäftigen.

Mein einziges kleines Manko ist tatsächlich, dass ich am Anfang einige Zeit gebraucht habe, um hineinzufinden. Die verschiedenen Handlungsstränge und der anspruchsvolle Schreibstil haben mir den Einstieg nicht leicht gemacht. Aber dieses kleine Manko hat die Geschichte für mich mehr als wettgemacht. Je weiter ich gelesen habe, desto stärker war ich in dieser Welt gefangen. Deshalb mein Rat: Nicht vom Schreibstil abschrecken lassen. Durchhalten. Aufmerksam lesen. Sich darauf einlassen. Denn dann bekommt man eine außergewöhnliche, sprachgewaltige und bildgewaltige Geschichte, die sich wie eine Leinwand vor dem inneren Auge entfaltet und mitten ins Herz trifft.

Für mich war dieses Buch großes Kino. Eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die anspruchsvolle historische Literatur mögen und bereit sind, sich wirklich auf eine Geschichte einzulassen.

Wunderbar. Wirklich wunderbar.