Der Kinderverführer
„Der Junge hatte es gehört und lächelte spöttisch. ‚Das ist schon in Ordnung‘, sagte er. ‚Was ich denke, ist kein Geheimnis. Ich habe über die Bäume nachgedacht und über den Morgen und die Lerche da oben am Himmel. Und jetzt denke ich über euch nach. Ich denke gerne nach.‘“
Die Schwestern Charlotte und Emma begegnen auf ihrem Schulweg erstmals dem seltsamen Jungen, der etwas Vogelhaftes hat und sich schroff und herablassend benimmt. Von da an taucht er immer wieder auf und lernt nach und nach alle Kinder aus Charlottes und Emmas Klasse kennen. Es stellt sich heraus, dass er nicht nur wie ein Vogel aussieht und Insekten isst, sondern dass er auch fliegen kann. Und er kann es Kindern beibringen.
Das Buch ist bereits in den 80ern in England erschienen und erster Teil einer Trilogie. In England gehört es schon zu den Kinderbuchklassikern und es mutet märchenhaft und sehr besonders an.
Aber ich muss sagen, dass mich dieses Buch irritiert und gruselt. Die Kinder sind allesamt recht naiv, einsam und unglücklich in ihren Familien. Der Klassenverband ist nicht besonders gut, die Lehrerin streng und unaufmerksam. Der eigenartige Vogeljunge kommt wie ein Verführer daher, der nichts Gutes im Sinn und mit diesen unglücklichen Kindern leichtes Spiel hat. Davon abgesehen, dass es recht handlungsarm ist, dem Jungen dabei zuzusehen, wie er Kind für Kind in seinen Bann zieht, ist es erschreckend. Am Ende widerstehen die Kinder ihm und gehen nicht mit ihm (bis auf eine verlorene Seele) in seine Welt, aus der sie niemals zurückkehren können.
Ist das ein Kinderbuch? Eine Geschichte, die dem jungen Leser über Stunden kritiklos erzählt, wie die unschuldigen Kinder sich zum Fliegen verführen lassen und dem gemeinen Jungen nachlaufen, nur damit es dann am Ende noch schnell darauf hinweist, dass man aber nicht mit dem Fremden mitgehen solle. Es findet keinerlei Entwicklung der Figuren statt, die begründen würde, warum sie sich am Ende doch der Verführung widersetzen.
Mein Sohn hat sich der Lektüre nach den ersten Seiten versagt, denn er fand das Buch zu langweilig. Das ist vielleicht auch ganz gut so. Kindern kann ich dieses Buch nicht empfehlen. Erwachsene werden sich über die naive Sprache und die Handlung und Moral ärgern.