Von der Angst, erwachsen zu werden

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
elinor Avatar

Von

Das Buch „Sie flogen einen Sommer lang“ von Penelope Farmer ist ein Klassiker der englischen Kinderliteratur aus dem Jahr 1962, das neu ins Deutsche übersetzt wurde. Daher verrate ich hier keine Geheimnisse, wenn ich etwas mehr von der Geschichte schildere. Sie erzählt von der zwölfjährigen Charlotte, die eines Tages einem geheimnisvollen Jungen begegnet. Er bringt ihr das Fliegen bei – kurz darauf auch ihrer jüngeren Schwester und nach und nach den anderen Kindern der Klasse. Die Erwachsenen dürfen davon nichts erfahren, denn sie können nicht fliegen und würden es bestimmt verbieten. So verbringen die Kinder die gesamten Sommerferien fernab von Eltern und anderen Erwachsenen, nur um gemeinsam zu fliegen und ihre Freiheit auszukosten.

Obwohl es kleinere Spannungen gibt – etwa als Thomas „Totty“ beginnt, die Autorität des Jungen in Frage zu stellen und Antworten auf die nie ganz geklärten Fragen nach seiner Herkunft verlangt –, lebt das Buch vor allem von seiner fast traumhaften Atmosphäre. Es vermittelt das Gefühl eines idealisierten Kindheitssommers, voller Freiheit, Geheimnisse und Abenteuer, von dem allen Beteiligten bewusst ist, dass er nie wiederkehren wird.

Am letzten Ferientag offenbart der Junge schließlich sein Geheimnis: Er möchte die Kinder mitnehmen, besonders Charlotte. Bei ihm könnten sie für immer Kinder bleiben und weiterhin fliegen. Der Preis dafür wäre jedoch, ihre Familien niemals wiederzusehen. Charlotte ist die Einzige, die sich offen dagegen ausspricht und die anderen Kinder zur Vernunft bringt. Am Ende verabschieden sie sich von dem Jungen – nur ein Mädchen fliegt mit ihm fort, weil sie ihrem traurigen Leben bei einem lieblosen Onkel entkommen möchte.

Der Wunsch fliegen zu können fasziniert mich seit meiner Kindheit, weshalb ich Bücher zu diesem Thema besonders gern lese. Die Geschichte erinnert mit ihren Motiven des Fliegens und der ewigen Kindheit stark an „Peter Pan“. Farmer gelingt es, die unterschiedlichen Charaktere der Kinder glaubhaft anzudeuten, auch wenn ich emotional vor allem mit Charlotte und dem geheimnisvollen „Vogeljungen“ mitgefiebert habe.

Zwar ist „Sie flogen einen Sommer lang“ als Kinderbuch eingeordnet, doch seine Themen machen es letztlich alterslos. Die Sehnsucht nach Freiheit, die Angst vor Veränderung und die Frage, wohin man eigentlich gehört, dürften Leser jeden Alters berühren.

Die Illustrationen des Buches sind hübsch. Schade nur, dass sie im Innenteil nicht farbig gedruckt wurden – das hätte die verträumte Atmosphäre noch stärker unterstrichen und das Buch insgesamt aufgewertet.