Anders und besonders

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leukam Avatar

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Die Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher gilt als eine der wichtigen Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur. Nun hat sie mit „Sie wollen uns erzählen“ ihren vierten Roman vorgelegt.
Der neunjährige Oz ist anders als seine Mitschüler, tut sich schwer im schulischen Alltag. Er ist nicht langsam, nein, manchmal ist er viel zu schnell. Da galoppieren seine Gedanken einfach davon. Oz hat ADHS. Seine Mutter Ann hat schon früh bemerkt, dass ihr Sohn ihr ähnelt. In ihr war auch schon immer so eine Unrast; „energiegeladen“ hieß es, eine Diagnose dafür gab es damals noch nicht . „Vom Temperament her ist sie eher der Pulverfass-Typ.“ Das macht ihren nicht gerade einfachen Alltag noch schwieriger. Sie ist zwar promovierte Soziologin, hangelt sich aber von einem befristeten Auftrag zum nächsten. Vom Vater des Jungen lebt sie getrennt. Ständig bewegt sich Ann am Rande der Überforderung. Das weiß Oz und deshalb will er ihr nichts vom Vorfall in der Schule erzählen. Dabei sah es für ihn sehr gut aus. Er hat den Notenschnitt erreicht, der ihm die Qualifikation für das Gymnasium verschafft. Doch nun hat er neben dem Zeugnis noch einen Brief an seine Mutter in der Tasche. Nur wegen dieser dummen Geschichte mit dem Hasen. Und Oz ist wieder einmal an allem schuld.
Auf dem Heimweg wünscht sich der Junge eine kleine Katastrophe, etwas, das seine Mutter ablenkt von dem Brief der Lehrerin.
Als Oz nach Hause kommt, erwarten ihn tatsächlich schlimme Nachrichten. Die Zillyoma ist aus dem Krankenhaus verschwunden und nun muss Ann sich kümmern. Auf ihre Hippie-Schwester Nell ist wenig Verlass. Die schafft es dann nicht einmal, ihren Neffen im Feriencamp für Kinder mit und ohne ADHS abzuliefern.
Was nun folgt ist ein irrer Roadtrip durch das Salzburger Land. Während Ann ihre Mutter im Innergebirg sucht, und Oz von der Bauernhofkommune der Tante flüchtet, braut sich über dem Land ein Unwetter auf „Alarmstufenlevel“ zusammen
Birgit Birnbacher hat mit Ann und Oz zwei unvergessliche Figuren geschaffen.
Oz ist ein besonderes Kind, er spielt nicht die Spiele, die andere Kinder mögen, er hört nur zu, wenn ihn etwas wirklich interessiert, aber er hat ein besonderes Gespür für die Gefühlsregungen anderer Menschen und er ist intelligent. Ann liebt ihren Sohn, so wie er ist und vermittelt ihm das auch. „ Ihn sollen sie nicht zurechtstutzen, wie sie es mit ihr getan haben, er soll wild wachsen dürfen, nicht dauernd deprimiert von diesem diffusen Gefühl sein, irgendwie nicht hineinzupassen…“
Ann ist eine Mutter, die für ihren Sohn immer da ist und für ihn kämpft. Dabei kommt sie selbst oft an ihre Grenzen, auch weil ihre eigene Zündschnur sehr kurz ist.
Wie sich der Alltag für neurodivergente Menschen anfühlt, mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen haben, zeigt die Autorin empathisch und keineswegs belehrend. Sie nimmt uns mit in die Köpfe und Seelen ihrer beiden Hauptfiguren. So spiegelt ihre Sprache die Gedankenwelt von Mutter und Sohn, ist flirrend, sprunghaft und assoziativ. Humor, Ironie und originelle Sprachbilder nehmen dem Thema die Schwere und sorgen für eine heitere Leichtigkeit des Textes.
„Sie wollen uns erzählen“ - sie, das sind die anderen, die der Norm entsprechen, die Norm festlegen. Birgit Birnbacher lässt dagegen Ann und Oz erzählen, ihre Sicht der Dinge. Sie wehren sich gegen die Festschreibung von außen, beharren auf ihrer eigenen „Erzählung“.
So ist dieser Roman ein Plädoyer dafür, Menschen in ihren Eigenheiten und ihren Besonderheiten anzunehmen, sie nicht als Störung, sondern als Bereicherung zu verstehen.