Ein einfühlsamer Roman über eine herausfordernde, aber sehr liebevolle Mutter-Sohn-Beziehung

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meggie3 Avatar

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Der neue Roman von Birgit Birnbacher beschäftigt sich auf einfühlsame und sensible Weise mit dem Umgang mit Neurodivergenz bzw. ADHS in der Familie.

Es ist der letzte Tag vor den Sommerferien. Zeugnisausgabe. Oz, dritte Klasse, hat hart auf den Wunschschnitt hingearbeitet, verbunden mit der Empfehlung fürs Gymnasium. Gleichzeitig steht eine „Unbeschulbarkeit“ im Raum, hat er doch Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, gedanklich bei der Sache zu bleiben. Trotzdem hat er den Notenschnitt erreicht. Doch feiern kann er diesen mit seiner Mutter wohl nicht – weil die Sache mit dem Kaninchen am letzten Schultag passiert ist und er jetzt neben dem Zeugnis einen Brief der Lehrerin mit nach Hause bringt.

Während er sich überlegt, wie er seiner manchmal sehr ungeduldigen und impulsiven Mutter das Kaninchen-Drama schonend beibringen kann, hofft er auf eine „kleine“ Katastrophe, die von der Sache mit dem Kaninchen ablenkt. Und diese „kleine“ Katastrophe passiert: Seine Großmutter verschwindet aus der Klinik, in der sie wegen einer Krebserkrankung operiert werden sollte. Kurzentschlossen fährt Ann, Oz‘ Mutter, mit ihrem Sohn ins Innergebirg. Dorthin wo Ann, damals wie Oz ein ebenfalls überaus lebhaftes Kind, gemeinsam mit ihren Eltern und der etwas jüngeren Schwester aufgewachsen ist.

Birgit Birnbacher beschreibt in schöner, angemessener Sprache die Herausforderungen, die ein Kind in Systemen bewältigen muss, in denen Angepasstheit und Funktionieren im Kontext von Lehrplänen und Regeln vorausgesetzt wird. Und wie anstrengend der Spagat zwischen dem Wunsch, dass es das Kind in diesem System schafft und der gleichzeitigen Wut und dem Wunsch, dass das Kind so sein darf und soll, wie es ist, für die Eltern ist. Auch das Spannungsfeld, in dem die Eltern als Paar zerrieben werden, wird einfühlsam beschrieben – insbesondere vor dem Hintergrund, dass Ann ebenfalls Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle und der Aufmerksamkeit für Dinge hat, die sie nicht priorisiert.

Für mich ist der Roman ein Plädoyer für das Beibehalten und Feiern unserer Einzigartigkeit, die nicht immer in starre Systeme passt (und passen muss). Sowohl an Ann und Oz, aber auch an Anns Mutter, sieht man eindrücklich, dass eine gewisse Eigenheit zwar manchmal schwer auszuhalten, aber doch sehr liebenswürdig ist.

Der Roman fesselt mit seinen sehr fein herausgearbeiteten Charakteren. Das Geschehen wird abwechselnd aus der Perspektive von Oz und von Ann erzählt. Die Suche nach der Oma und alles, was damit zusammenhängt, nimmt ab Mitte des Romans viel Raum ein. Die große Verbundenheit zwischen Ann und Oz ist dabei aber immer präsent und für mich ist eben diese Beschreibung der Mutter-Sohn-Beziehung das absolute Highlight des Buches. Auch die Sprache mit der Birgit Birnbacher diese Beziehung und Nähe zwischen den Beiden beschreibt, auf sehr sensible Weise, ist hervorzuheben. Die mir eher unbekannten österreichischen Redewendungen geben dem Roman eine Authentizität, die ich sehr positiv empfunden habe.

"Sie wollen uns erzählen" von Birgit Birnbacher ist eine berührende Mutter-Sohn-Geschichte, die ich sehr empfehlen kann.