Flirrende Nerven

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amara5 Avatar

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Die österreichische Autorin und Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher lässt in ihrem neuen, sehr lesenswerten und eindringlichen Roman „Sie wollen uns erzählen“ tief und turbulent in den Alltag einer Familie blicken, die mit ADHS sowie stürmischen Impulsen umzugehen hat.

Mutter Ann ist promovierte Wissenschaftlerin und in ihrer Gefühlslage eher ein Pulverfass – immer wieder muss sie sich ermutigen, geduldiger mit ihrem Sohn Oz zu sein, bei dem ebenfalls die Diagnose ADHS im Raum steht. Vater Christian ist etwas überfordert und wird im Laufe der rund 200 Seiten starken Erzählung die Entfernung zur Familie suchen. Ein bedrückendes Ereignis zu Anfang schwebt über der gesamten Handlung: Oz hat in der Schule mit Kumpels Hasen aus einem Käfig freigelassen und einer davon wurde schwer verletzt – Oz hat ihn brutal erlöst und wird mit der Schuld, die er in sich hineinfrisst, nicht fertig.

Die Ereignisse überschlagen sich, als Oz eigentlich in ein Ferienlager soll, aber die Mutter von Ann spurlos verschwindet – sie machen sich auf die Suche und finden sich alle samt der unzuverlässigen Schwester Nell auf einer abschüssigen Waldhütte wieder. Als dann noch schweres Unwetter mit Murenwarnung aufzieht, geraten die eh schwierigen und überreizten Familienverhältnisse noch weiter ins Wanken.

Birgit Birnbacher erzählt sehr berührend-intensiv sowie temporeich von den zwei flirrenden Gefühlswelten von Mutter und Sohn, die durch ihre Neurodivergenz die Welt in ihrer Informationsverarbeitung etwas anders wahrnehmen und im Schul- sowie Arbeitsalltag ihre Probleme mit Überreiztheit haben. Doch was ist normal und was will die gesellschaftliche Norm diesen Menschen aufzwängen und erzählen, wie sie zu sein haben?

Feinfühlig und auch mit Humor zeigt sie eine ganz besondere Mutter-Sohn-Beziehung, die mit liebevollen Ritualen aufrecht erhalten wird. Zudem lässt sie viele bildgewaltige Schauplätze an verschiedenen Orten im Innergebirg miteinfließen und schafft in der scharfsinnigen Beobachtung ihrer Protagonisten wunderschöne Bilder von menschlicher Zuneigung trotz oder gerade wegen einer knisternden Nervenleitung. Ein empfehlenswerter, besonderer Roman, der mit rasantem Tempo und viel Empathie punktet!